Zeitung Heute : Warum wir ihn haben

UNSERE KLEINE FAMILIE

Tanja Stelzer

UNSERE KLEINE FAMILIE

Diese Kolumne ist für S., der mich kürzlich gebeten hat, ich solle doch nicht immer so viel über den Stress reden, den Kinder bringen, sonst werde er vielleicht nie auf die Idee kommen, welche in die Welt zu setzen. Ich habe ihm gleich versprochen: Nächste Woche liest du zehn Gründe für ein Kind. Das war vielleicht ein wenig voreilig.

Warum bekommt man eigentlich Kinder? Ich stellte die Frage meinem Mann beim Frühstück, während Noah seinen Grießbrei mit „Birne fein“ auf dem Tisch verschmierte. Mein Mann schlug grinsend vor: Nachlässigkeit? Übermut?

Als das Thema Kind sich vage in unsere Gespräche geschlichen hatte, sinnierten wir darüber, dass wir Spuren auf der Welt hinterlassen wollten. Ein Kind würde sein wie ein in den Baum geritztes „I was here“, fand ich. Eine Art Selbstvergewisserung: Ich war hier, also bin ich. Als Noah geboren war, verbrachten wir einige Tage quasi ausschließlich damit, unser Kind anzugucken – eine Beschäftigung, die uns überhaupt nicht langweilig wurde. Im Gegenteil. Uns schienen die Tage zu kurz, um in Noahs noch arg zerbeultem Gesicht Teile von uns wiederzufinden: die Form einer Ohrmuschel, die Wölbung eines Nasenflügels, der Schwung der Augenlider, die „M“-Form der Oberlippe…

Unsere Studien wurden unterbrochen, als mein Mann eine schwere Grippe bekam. Im Fieberwahn entzifferte er auf dem Thermometer eine 42 (wie sich nachher rekonstruieren ließ, handelte es sich um eine 39). Mein Mann wähnte sein Ende nah, aber das beunruhigte ihn in diesem Moment nicht sonderlich, wie er mir später erzählte. Er habe ja jetzt einen Sohn, der für ihn weiterleben würde, dachte er sich.

Eine Geburt versetzt die Eltern in einen mentalen Ausnahmezustand. Sie behalten von diesem Erlebnis einen Hang zum Transzendentalen zurück, der durch wochenlangen Schlafentzug noch verstärkt wird. Irgendwann jedoch, wenn der harte Kampf mit Tragetüchern und Karottenflecken uns auf den Boden der Realität zurückgeholt hat, erkennen wir, dass die Spuren, die wir mit einem Kind hinterlassen, ganz anderer Art sind.

Kinder machen ein Gefühl, als hätte sich Rost auf die Knochen gesetzt. Ich habe Falten bekommen und mein Mann graue Schläfen. Neulich bei der Hochzeit unserer Freunde zogen wir eine Spur von Breipulver durch den Festsaal, die für eine Schnitzeljagd getaugt hätte. Oder neulich beim Interview. Mein Gesprächspartner trug goldene Manschettenknöpfe, seine Assistentin einen Prinzessinnentitel. Ich zog meinen Block mit den Fragen aus der Tasche, da fiel der Blick – mein Blick, der Blick meines Interviewpartners, der Blick der Prinzessin – auf ein klebriges Etwas, das auf den Fragen pappte. „Das muss irgendwas, äh, mit meinem kleinen Sohn, äh, zu tun haben“, stammelte ich. Die Manschettenknöpfe und die Prinzessin spekulierten, ob es sich um Spinat oder Karotte handelte. (Es war Zwieback.) Dieser Termin war eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen ich meine Gesprächspartner lieber nicht mit einer Geschichte von meinem Baby behelligt hätte.

Ich bezweifle, dass diese Art von Spuren sich entschlüsseln lassen und irgendeinen tieferen Sinn ergeben. Ich glaube, sie sind einfach der Preis, den wir zahlen müssen für unser Glück, und das Glück ist groß. Denn der wahre Grund, warum man Kinder kriegt, ist genauso einfach wie kitschig. Noch nie hat man so geliebt, noch nie wurde man so geliebt – außer von den eigenen Eltern. Das ist nur ein Grund, oder zwei. Aber die sind völlig ausreichend.

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