Zeitung Heute : Warum wir lächeln

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Wenn uns bei Wut oder Gefahr die Haare zu Berge stehen, deutet das nicht nur auf ein ehemals dichtes Haarkleid hin, das sich beeindruckend aufstellen ließ, um größer und damit abschreckender zu wirken. Es ist auch ein mittlerweile sinnloses Relikt unseres Repertoires an Verhaltensweisen, die aus grauer Vorzeit stammen.

So fassen Verhaltensforscher unser Lächeln auch als früher überlebenswichtige Demutsgeste auf: „Kinder lächeln oft unvermittelt, wenn Lehrer oder Eltern sie scharf zurechtweisen“, schreibt der Verhaltensforscher Vitus B. Dröscher. Dies sei keinesfalls ein Höhepunkt der Frechheit, sondern ein Indiz für Verlegenheit und ein „Zeichen dafür, dass sie im Innersten getroffen sind“. Das rufe ein uraltes Verhaltensrelikt aus grauer Vorzeit hervor: die „im Instinktgefüge verankerte Demutsgebärde unserer affenähnlichen Vorfahren.“ Sie kann noch immer hilfreich sein, etwa wenn ein Mensch von Pavianen attackiert wird: Dann rät Dröscher dazu, niederzuknien und über die Schulter nach hinten zu grinsen und dabei zu schmatzen.

„Nur noch schwach angstgetönt“ sei hingegen das zum bloßen Ritual verkommene Grußlächeln. Nicht nur bei Affen, sondern auch unter Menschen verlange die Sitte, dass der Rangniedere den Ranghöheren bei jeder Begegnung zuerst grüße. Für Dröscher ist der Gruß „also nichts anderes als eine zur Routine gewordene Unterwürfigkeitsgebärde.“

Auch den Kuss deuten Verhaltensforscher als Überbleibsel eines ehedem ganz anders begründeten Rituals. Manche Ethologen sind der Auffassung, der Kuss habe sich aus dem tierischen Ritual des Beschnüffelns entwickelt. Dafür könnte sprechen, dass bei manchen EingeborenenVölkern sich Paare auch heute noch beschnuppern statt sich zu küssen. Andere Forscher meinen, der Kuss habe sich aus der vor Urzeiten nötigen Mund-zu-Mund-Fütterung zwischen Mutter und Kind entwickelt, wenn das Stillen nicht ausreichte. Mütter hätten feste Nahrung damals vorkauen müssen und von Mund zu Mund an ihre Kinder übergeben müssen.

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