Zeitung Heute : Warum wir lieben

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Von Walter Schmidt

Sieben Kartons stehen auf dem Labortisch, aus sechsen müffelt ein verschwitztes T-Shirt, von verschiedenen Männern zwei Nächte lang getragen. Frisch ist nur das siebte. Die Tür öffnet sich, und eine Frau tritt herein, geht zum Tisch und hebt einen Karton nach dem anderen an die Nase. Der Zoologe Claus Wedekind inszenierte diesen sonderbaren Versuch an der Universität Bern. Er wollte mit der "Modellspezies Mensch" eine Grundsatzfrage der Evolutionsbiologie beantworten: Wonach wählen Weibchen Männchen aus?

Wedekind nahm an, dass bei diesem Rätsel der so genannte MHC-Gen-Komplex mitwirkt. Dieser "Major Histocompability-Complex" kodiert so unverwechselbar wie ein Fingerabdruck das Immunsystem aller Säugetiere. Rund hundert Gene dieses individuellen Cocktails unterstützen den Körper von Säugetieren dabei, Fremdzellen und Krankheitserreger zu erkennen. Und nicht nur das: Von älteren Versuchen mit Mäusen wusste Wedekind, dass der MHC Mitteilungen an mögliche Geschlechtspartner aussendet, Mitteilungen in Form riechbarer Signalstoffe.

Da die menschlichen Immun-Gene gut erforscht sind, und weil Frauen ihre Eindrücke schildern können - besser wenigstens als Mäuse - griff Wedekind zum T-Shirt-Test. Das Ergebnis der Mühe: Am betörendsten finden Frauen den Schweißgeruch jener Männer, deren MHC-Ausstattung von ihrer eigenen am deutlichsten abweicht. Dann nämlich verfügen auch mögliche Kinder über optimal kombinierte Abwehrkräfte.

Empfänglich für Fremd-Signale sind aber nur Frauen, die weder ihre Regelblutung haben noch mit der Pille hormonell eine Schwangerschaft vortäuschen - beide Gruppen sind vorübergehend unfruchtbar und nicht auf der Suche nach Fortpflanzungspartnern. Im Gegenteil: Sie bevorzugen offenbar Duftspender mit ähnlichem MHC. Schwangere Frauen schätzten eben die sichere Nähe der genetisch ähnlichen Familie und keinen neuen Partner, meint dazu die Wiener Verhaltensforscherin Astrid Jütte.

Männer bevorzugen die Sanduhrform

So viel Forschung rund um die Liebe mag Kopfschütteln hervorrufen. Doch für Ulrich Mees, Professor für Psychologie an der Universität Oldenburg, darf Liebe kein Rätsel bleiben. "Sie ist zu wichtig fürs menschliche Wohlergehen und das Gedeihen intimer Sozialbeziehungen, als dass man sie wissenschaftlich ignorieren könnte", sagt der 58-Jährige. Liebeskummer ist bei deutschen Jugendlichen der zweit- bis dritthäufigste Selbstmord-Grund. Und in unseren Großstädten geht jede zweite Ehe zu Bruch.

Wenn Liebe aber so verletzbar ist, warum lieben wir dann überhaupt? "Um zu überleben", das meint jedenfalls Professor Gerald Hüther, Leiter der Neurobiologischen Forschung an der Universität Göttingen. "Im Kampf ums Dasein überleben nicht nur diejenigen, die sich besser als alle anderen und damit auf Kosten anderer durchsetzen", sagt der Autor des Buchs "Die Evolution der Liebe". Bei höher entwickelten Lebewesen machten vor allem diejenigen das Rennen, "die besser als alle anderen zusammenhalten, weil sie durch ein gemeinsames Gefühl miteinander verbunden sind".

Was aber macht zwei Menschen zum Paar? Allem Anschein nach sind es Ursachen, die weit zurückreichen. Noch heute zum Beispiel schauen Frauen Männern gerne auf den Po. Evolutionspsychologen nehmen an, dass ein muskulöses Männer-Gesäß als Zeichen körperlicher Fitness das uralte Signal aussendet, es gehöre zu einem guten Jäger und Läufer, der seine Familie ernähren und vor Fressfeinden in Sicherheit bringen kann. Die meisten Männer hingegen bevorzugen Frauen in "Sanduhrform": volle Brüste und ein gewisses, dem modischen Wandel unterworfenes Maß an Fettpolstern rund um ein nicht zu schmales, pardon: gebärfreudiges Becken. Dem prähistorischen Mann nahm eine Frau mit Sanduhr-Figur etwas vom Erfolgsdruck beim Ackern und Jagen, denn von den Fettpolstern konnte die Steinzeit-Frau leben und sie in Muttermilch umwandeln, wenn das Jagdglück ausblieb.

Was Bindungsscheue schätzen

Dass neben archaischen Auswahlmustern und Sexuallockstoffen noch anderes über die Partnerwahl entscheidet, wissen Psychologen aus der Praxis: Da suchen Männer nach Frauen, die ihren Müttern ähneln, um sich endlich wieder geborgen zu fühlen. Frauen halten es bei Brutalos aus, von denen sie geschlagen werden, ganz so wie der Vater schon die Mutter verprügelt hat - nicht etwa, weil sie Selbstquälerisches an sich hätten, sondern weil sie der Mutter zeigen wollen, wie man mit einem gewalttätigen Mann richtig umgeht. Bindungsscheue verlieben sich zielstrebig in Partner, die längst vergeben sind oder am anderen Ende Deutschlands wohnen. Wiederum andere wählen komplementäre, sie selber vervollkommnende, Partner aus und wollen so eigene Mängel übertünchen. Demnach ist die Partnerwahl oft ein Versuch zur Selbsttherapie, wenn auch einer, der gerne fehlschlägt.

Dass Gene, die Körperchemie, die Psyche und auch noch Faktoren wie Status und Bildung beim Lieben und Verlieben eine Rolle spielen, kann einen schon in rechte Verwirrung stürzen. Nur reife Menschen mit viel Erfahrung könnten hier abwägen und erlägen nicht so schnell dem einen oder anderen starken Reiz. "Sie haben", sagt der Neurobiologe Gerald Hüther, "die Fähigkeit zu einem integrativen Bild des Partners." Ob sie ihre Liebschaften deshalb weniger rätselhaft empfinden, darf bezweifelt werden.



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