Zeitung Heute : Warum wohnen Norddeutsche hinter Backstein?

Björn Rosen

Je weiter man in Deutschland Richtung Norden fährt, desto mehr Backsteinfassaden sind zu sehen – und so kommt man rasch zu der Annahme, diese Bauart sei ursprünglich norddeutsch. Aber das ist falsch. Schon die Architekten im Alten Rom haben die roten Lehmziegel verwendet, um Italien mit schönsten Backsteinbauten zu verzieren. In den Norden Europas kamen die gebrannten Lehmziegel erst im 13. Jahrhundert, als die Baupläne der damals tonangebenden Hanse – ein Zusammenschluss aufstrebender Kaufmänner – das Angebot an Naturstein erschöpften.

Da suchten und fanden die Händler als anderes Material den Backstein. Der aus Lehm gebrannte Backstein, so fanden sie, passe gut zu ihnen, sagt Hermann Hipp, Kunstgeschichtler an der Uni Hamburg: „schlicht und solide und gut geeignet für große Bauprojekte“. Außerdem machte der Stein dank seiner roten Farbe Eindruck. Bis zum 15. Jahrhundert holte der Norden in Sachen Backsteinbauten auf. In Lübeck wurde im Jahr 1350 die Marienkirche mit ihren zwei hohen Türmen fertiggestellt – ein Symbol für die Macht der reichen Hanse. Überall um Nord- und Ostsee, bis tief ins Binnenland hinein, entstanden Kirchen und öffentliche Gebäude, die sich an diesem Vorbild orientierten, in Brandenburg etablierte sich die märkische Backsteingotik.

In den Jahrhunderten danach blieb der Backstein ein wichtiger Baustoff, der aber oft verputzt wurde, so dass man ihn nicht erkannte und die Gebäude von außen wirkten, als seien sie aus anderem Material gebaut, vielleicht aus Marmor.

Im 19. Jahrhundert zeigt man den Backstein dann wieder offen, der Putz fiel, die Klinker wurden Fassade. Eine neue „Wahrheit“ sahen darin die Architekturkritiker. 1883 entstand die rotgeklinkerte Speicherstadt in Hamburgs Hafen – und damit der Mythos vom „typisch norddeutschen“ Backstein. Einer, der diese Idee entscheidend geprägt hat, ist der Architekt Fritz Schumacher. Er errichtete Anfang des 20. Jahrhunderts eine ganze Reihe von Gebäuden in Hamburg – darunter das Tropeninstitut. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden zerstörte Stadtteile wie Barmbek oder Dulsberg komplett in Backstein aufgebaut. Und bis heute ist der Baustoff bedeutend, sagt Hermann Hipp von der Uni Hamburg: „Selbst wenn Architekten jetzt in Hamburg Häuser mit Riesen-Glasfassaden bauen, denken sie an den Backstein und grenzen sich bewusst von ihm ab.“

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