Zeitung Heute : Was auf der Haut brannte

Auch in der DDR entstand eine umtriebige Expressionistenszene, die von politisch dogmatischen Kreisen abgelehnt wurde. Doch es gab Nischen. Rolf Händler fand sie

Schreiende Bilder, verzerrte Wirklichkeit: Mit grell-bizarren Farben schockierten die expressionistischen Maler Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmitt-Rottluff, Max Beckmann und Emil Nolde um die Jahrhundertwende die Kunst-Akademien des Deutschen Reichs. Wie die französischen Fauvisten um Henri Matisse lehnten auch die Dresdner Künstler, die sich 1905 zur Gruppe „Die Brücke“ vereinten, die etablierten Vorstellungen des 19. Jahrhunderts ab. Anstatt mit feinen Pinselstrichen den Schein der Welt abzubilden, paarten die jungen Wilden ihre schrillen Farben mit einfachen Formen.

Vorbilder waren den „Brücke“-Künstlern ausdrucksstarke Maler wie Paul Gauguin oder Vincent van Gogh, der im Übrigen keinen nennenswerten Unterricht in Malerei erhielt. Handwerk war für die Expressionisten Nebensache, Emotionen bedeuteten alles. Häuser erschienen plötzlich in sattem Grün, Bäume in flammendem Rot. Soziale Spannungen, kulturelle Konflikte und psychologische Verwirrungen in der Großstadt-Gesellschaft verschmolzen zu erschütternden Bildern. Die jungen Künstler setzten Gefühle gegen kalten Mechanismus. Und stellten – wie ihr Vorbild Edvard Munch – Hässliches neben Schönes, Liebe neben Hass, Leben neben Tod. Inspirieren ließen sie sich von der einfachen Volkskunst: Emil Nolde und Max Pechstein reisten nach Neuguinea, Otto Mueller begeisterte sich für Zigeunermotive. Kirchner entdeckte im Berliner Völkerkundemuseum das afrikanische und ozeanische Kunsthandwerk, deren Einflüsse sich später in seinen Holzschnitten wiederfanden.

Das Unbehagen einer zunehmenden sozialen Kälte, die Technisierung der Gesellschaft und ihre Vermassung – die Motive der Expressionisten waren Themen, die auf der Haut brannten. Auch der französische Maler Georges Braque und der spanische Künstler Pablo Picasso wurden in ihrer Entwicklung vom Expressionismus beeinflusst. Im Jahr 1913 löste sich die „Brücke“-Vereinigung auf, doch der Expressionismus eroberte die Welt. Die Arbeiten der österreichischen Maler Oskar Kokoschka und Egon Schiele zeugen ebenfalls von Einflüssen der Dresdner Künstler-Gruppe. Schiele entwickelt eine eigene Form des Expressionismus, die von Direktheit und einer oftmals depressiven Grundstimmung geprägt ist.

Doch der verzerrende und abstrakte Expressionismus brachte auch Gegenströmungen hervor: „Die Neue Sachlichkeit“ entstand aus der Enttäuschung nach dem Ersten Weltkrieg heraus. Satirische Bitterkeit und Zynismus charakterisierten die Bilder von Otto Dix und George Grosz. Sie legten Wert auf eine strengere Bildanordnung und überdeutlich konturscharf wiedergegebene Gegenstandsformen. Nach 1925 war die goldene Zeit des Expressionismus überschritten. Totzukriegen waren die jungen Wilden nicht: In den Vereinigten Staaten versuchten nach dem Jahr 1945 abstrakt expressionistische Maler, wie Mark Rothko, Willem de Kooning, Franz Kline und Jackson Pollock, grundlegende Gefühle durch lebhafte Farben, kühne Formen und spontane Methoden zu vermitteln.

Auch in der DDR entstand eine umtriebige Expressionistenszene, von politisch dogmatischen Kreisen teilweise abgelehnt und als „spätbürgerlich“ verpönt. Es gab Nischen. Rolf Händler fand sie. In der Expressionale 2008 werden in einer Einzelausstellung etwa vierzig seiner Bilder, darunter viele Mauerbilder, gezeigt. Das Kuratorenteam hat in Händlers Atelier am Rande von Berlin gestöbert, ausgesucht und zusammengestellt.

Den ostdeutschen Maler zog es Anfang der 1960er Jahre von Halle nach Berlin, wo er an der Kunsthochschule Weißensee Malerei studierte. Anschließend wurde er drei Jahre lang Meisterschüler an der Akademie der Künste und fand eine günstige Ladenwohnung mit Atelier in Prenzlauer Berg, dort begegnen sich auch gegenwärtig noch junge Künstler. Weil er kein staatstreuer Maler war und Alltagsszenen nicht beschönigte, wurden seine Bilder nicht überall geliebt. Oft gab es Vorwürfe von Kulturfunktionären, die Bilder seien zu privat, zu dunkel, zu pessimistisch.

„Ob ich meinen Bildern einen helleren oder dunkleren Akkord gebe bestimmt das Sujet“, sagt der heute 70-Jährige, der sich einen „expressiven Realisten“ nennt. Durch seine Mauerbilder, die im Laufe vieler Jahre entstanden sind, zieht sich das große Thema Freiheit und Menschenwürde. Es sind Zeitreflexionen. Er hat sie sich in vielen Variationen von der Seele gemalt. Menschendarstellungen, Landschaften und Stillleben sind seine drei großen Werkgruppen. Sie ließen sich im Westen gut verkaufen – und die DDR brauchte dringend Devisen. So durfte Rolf Händler schließlich in Westeuropa ausstellen und wurde über die Grenzen hinaus bekannt. Das ist er bis heute geblieben.

Wie einst für Kirchner sind auch für Rolf Händler die expressive Farbe und Form das maßgebende Handwerkszeug. Seine Bilder allerdings sind nicht zornig, sondern eher still. Mit dezenten Gesten drückt er ein inneres Empfinden aus, das natürlich beeinflusst wird von dem Widersprüchen der menschlichen Existenz. Grauzonen. Auch nach der Wiedervereinigung blieb er seiner Richtung treu: „Dunkel oder hell, privat oder nicht – ich male dem Sujet entsprechend“, erklärt Händler. Seine Bilder seien Botschaften, von Menschen und über den Menschen in seinem Umfeld.

Dass er zu DDR-Zeiten kaum Chancen hatte, sie auszustellen, betrachtet er heute als Vorzug: „Ich konnte auf meiner Spur bleiben, mich selbst suchen und meine Identität finden.“ Rolf Händler beobachtet die junge nachfolgende Malerszene mit ein bisschen Skepsis. Viele Künstler würden den Erfolg vor den Bemühungen anstreben. „Sie passen sich dem Zeitgeist einer schnelllebigen, flüchtigen und immer kommerzieller werdenden Kunstszene an.“ Ist es heute, wo alles erlaubt ist und man kaum noch jemanden schockieren kann, komplizierter geworden, seine eigene Sprache zu finden? Expressionisten übersteigern ihre Realität, damals und heute.

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