Zeitung Heute : Was besser geworden ist

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Vier Operationen, die viele Menschen in ihrem Leben aushalten müssen – wie man die heute und noch vor einigen Jahrzehnten behandelte, erklären der Allgemeinmediziner Tobias Esch, Charité Campus Mitte, und sein Bruder Matthias Esch, Chirurg in Delmenhorst.

Blinddarm: Den operiert man heute oft endoskopisch, aber weiterhin mit Vollnarkose. Ohne die herkömmlichen großen Schnitte hat der Patient deutlich weniger Schmerzen, nach wenigen Tagen ist alles vorbei. Früher operierte man meist als Notfall bei massiven Schmerzen, einer akuten Entzündung kurz vor dem Durchbruch. Weil der Eingriff heute viel geringfügiger ist, holt man den Blinddarm schon bei leichten chronischen Entzündungen als geplante Maßnahme oder im Zweifelsfall bei wechselnden Unterbauchbeschwerden heraus – und spart sich so die durch Verschleppung entstandenen plötzlichen, akuten Operationen.

Der Leistenbruch: Das bedeutete vor 15 Jahren noch eine größere BauchOperation. Beim Leistenbruch hat man eine Lücke in der Bauchwand. Es besteht die Gefahr, dass sich der Darm hindurchdrücken und einklemmen kann. Früher öffnete man bei einem Eingriff die gesamte vielschichtige Bauchwand. Haut, Unterhautfettgewebe, Muskeln und das Bauchfell wurden z.T. überlappend wieder vernäht. Das dauerte ein bis zwei Stunden, danach musste man etwa zehn Tage im Krankenhaus bleiben. Schwer heben durften die Patienten erst ein halbes Jahr später. Nicht selten lösten die feinen Nerven, die in den Vernarbungsprozess der großen Wunde einbezogen wurden, später noch Schmerzen aus. Und wenn man Pech hatte, konnten die Nähte auch nach 20 Jahren noch aufplatzen oder im Bereich der alten Operationsnarbe neue Bruchlücken entstehen.

Heute operiert man meist endoskopisch, also per Schlüssellochtechnik. Der große Vorteil ist: Die Bauchdecke muss nicht als Ganzes eröffnet werden, man hat keine große Wunden. Von der Seite oder vom Nabel aus geht man zu der betroffenen Stelle, schiebt den Inhalt des Bruchsackes zurück und verwendet entweder ein Netz oder so etwas wie einen selbstaufklappbaren Schirm, um das Loch zu verschließen. Das dauert vielleicht 20 Minuten, man bleibt ein, zwei Tage im Krankenhaus und muss sich etwa drei bis vier Wochen statt ein halbes Jahr schonen.

Weisheitszähne: Früher war das eine aufwändige Prozedur, meist wurde mit lokaler Betäubung ein Zahn nach dem anderen herausgeholt. Dank besserer Anästhesietechniken kann man heute alle in einer Sitzung unter Vollnarkose herausholen. Früher scheute man beispielsweise auch die Blutungsgefahren. Da ist man mutiger geworden. Richtig elend fühlt man sich mitunter danach zwar immer noch, aber es ist wenigstens mit einem Schlag erledigt. Und die Patienten müssen auch nicht mehr dem Idealtyp – 18 Jahre alt, gesund – entsprechen. Es können z.B. auch Patienten mit Herzproblemen unter Vollnarkose operiert werden.

Mandeln und Polypen: Vor 30 Jahren arbeitete man noch, wenn überhaupt eine Vollnarkose eingeleitet wurde, hauptsächlich mit Äther, Lachgas oder Halothan. Das war nicht immer ungefährlich, konnte z.B. die Leber angreifen. Heute sind die Anästhesietechniken weniger belastend. Man schneidet und stillt das Blut heute gleichzeitig, indem man eine Elektroschlinge benutzt. Die verödet das Gewebe mit Hochfrequenzstrom. Früher hat man die Nachblutungen einfach überschätzt, behielt die Patienten zehn Tage lang im Krankenbett. Heute will kaum jemand länger als nötig im Krankenhaus bleiben. Der Patient muss dann aber in Kauf nehmen, dass er immer noch deutlich eingeschränkt zu Hause alleine klarkommen muss.

TECHNIK

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