Zeitung Heute : Was bin ich?

Ein Fischentschupper. Ein MP3-Player. Ein Drahtabisolierer. Man kann damit gegen Pumas kämpfen und Augenbrauen zupfen. Geburtsort dieses Wunders ist Ibach, Kanton Schwyz.

Jens Mühling

Helmut Knosp war mit seinem Sportflugzeug unterwegs von Reims nach Freiburg, als die Maschine über den Vogesen abstürzte. Drei Mitinsassen waren auf der Stelle tot, Knosp selbst klemmte mit Arm- und Beinbrüchen im brennenden Flugzeugwrack fest. „Mein Leben verdanke ich“, schreibt er in einem Brief an die Firma Victorinox, „einem Taschenmesser ‚Officier Suisse’ aus Ihrem Hause. Mit Hilfe dieses Messers konnte ich mich aus der zertrümmerten und brennenden Maschine befreien, indem ich die verklemmten Anschnallgurte zerschnitt und mir durch Kunststoffverkleidungen und Fenster einen Ausgang freischnitt. Das Taschenmesser, das ich schon seit Jahren ständig bei mir habe, nenne ich seitdem nur noch ‚meinen Lebensretter’.“

Dankschreiben wie dieses füllen in Ibach, dem Sitz des Messerfabrikanten Victorinox, ganze Aktenordner.

Ein Arzt aus Uganda berichtet von Notamputationen, die er mit der Säge seines Schweizer Taschenmessers durchführte, nachdem ihm die chirurgischen Instrumente gestohlen wurden. Ein Wildhüter des Roxborough State Park in Colorado erzählt vom Angriff eines Pumas, den er in die Flucht schlug, indem er ihm das Armeemesser in den Bauch rammte. Ein indischer Arzt beschreibt, wie er einem Kind, das an einem Bonbon zu ersticken drohte, mit der eidgenössischen Stahlklinge den lebensrettenden Luftröhrenschnitt setzte. Ein amerikanischer Soldat versichert, er habe sich aus einem Feuergefecht im Irak nur retten können, indem er sich den Fluchtweg durch einen Zaun mit dem Messer freischnitt. Liebevolle Umschreibungen wie „treuer Begleiter“, „verlässlicher Freund“, „Retter in der Not“, „Beistand in allen Lebenslagen“ finden sich in fast jedem der Briefe.

Unternehmenssprecher Hans Schorno klappt den Aktenorder zu, er sieht ein bisschen stolz aus. Auch er hat eine Geschichte zu erzählen, auch ihn hat das „Sackmesser“, wie es hierzulande heißt, bereits aus Fährnissen errettet. Vor ein paar Jahren, erzählt Schorno, habe seine Tochter ihren Spielzeugeimer über eine Böschung fallen lassen, er hing im Gestrüpp fest, tief unterm Hang, unerreichbar. Herr Schorno klappte kurzentschlossen den Mehrzweckhaken seines ständigen Begleiters aus, Modell Mountaineer 1.3743, band das Messer an eine Schnur, ließ es über die Böschung hinab und angelte den Eimer aus dem Gebüsch. Die Freude seiner Tochter, berichtet Herr Schorno, sei unermesslich gewesen.

Es sind große und kleinere Heldengeschichten, die das Offiziersmesser zum eidgenössischen Mythos gemacht haben. Im urschweizerischen Kanton Schwyz wird es produziert, der Firmenstandort im kleinen Örtchen Ibach liegt zwischen Bergen, die man „die Mythen“ nennt. Im Tal wird seit 1890 am Mythos unbedingter Zuverlässigkeit gefeilt. Damals verabschiedete das Schweizer Militärdepartement ein Papier „betr. Einführung eines Soldatenmessers, zugleich Schraubenzieher zum Gewehrmod. 89 und Büchsenöffner“. Der Unternehmer Karl Elsener gewann den Auftrag mit seinem „Verband Schweizerischer Messerschmiedemeister“, den er später in „Victorinox“ umbenannte, nach dem Wort „Inox“ für rostfreien Stahl und dem Vornamen seiner Mutter Victoria. Geführt wird der Konzern bis heute als Familienunternehmen: Carl Elsener III., heute 86 Jahre alt, hat die Leitung seinem Sohn übertragen, dem 50-jährigen Carl IV., dessen achtjähriger Sprössling Carl V. natürlich auch schon ein eigenes Messer am Mann trägt, wie Herr Schorno gerne verrät.

Für Kinder findet sich im Firmenkatalog ein Einsteigermodell mit abgerundeter Klinge: „My first Victorinox“, eins von 370 Modellen, die in Ibach produziert werden. Es gibt Messer für Schreibtischabenteurer (mit USB-Stick und Laser-Pointer), für Angler (mit Fischentschupper), für Raucher (mit Zigarrenschneider), Hipster (mit MP3-Player) und Angeber (mit Diamanten). Das Königsmodell, der Big Mac unter den Sackmessern, ist das „SwissChamp“ mit 40 Funktionen: große Klinge, kleine Klinge, Korkenzieher, Dosenöffner, Schere, Drahtabisolierer, Kapselheber, Holzsäge, Stech-Bohr-Nähahle, fünf Schraubendreher, Pinzette, Zahnstocher, Mehrzweckhaken, Angellöser, Fischentschupper, Maßstab, Nagelfeile, Nagelreiniger, Metallsäge und -feile, Holzmeißel, Kombizange, Drahtschneider, Hülsenpresser, Kugelschreiber, Stecknadel, Schlüsselring, Lupe. Beim „SwissChamp Traveller Set Plus“ kommen Kompass, Wasserwaage, Thermometer und Taschenlampe hinzu.

Es gibt auch Dinge, die für Herrn Schorno nicht an ein Messer gehören. Eine Zahnbürste zum Beispiel. Oder ein Mobiltelefon, obwohl danach ständig gefragt werde. Messer und Handy in einem Gerät, das hält Herr Schorno für Fummelei, das wäre „ginkerlig“, wie er es nennt.

Man legt eben Wert auf Tradition in Ibach. „Dominus providebit“, der Herr sieht vor, so steht es auf einem Wandbild an der Fabrikfassade. Seit 80 Jahren wurde hier kein Mitarbeiter mehr aus wirtschaftlichen Gründen entlassen. Den 900 Angestellten in Ibach – 1700 sind es weltweit – bietet man werksnahe Wohnungen und eine Haussparkasse, zwischen den Fließbändern animiert eine Physiotherapeutin zu Lockerungsübungen, es werden fürstliche Familien- und Kinderzulagen gezahlt – aus christlicher Haltung, wie Herr Schorno betont. Weit ins Tal geht der Blick aus dem Konferenzraum, eine Modelleisenbahnlandschaft mit grünen Wiesen, glücklichen Kühen, pünktlichen Zügen und schneebedeckten Gipfeln. Dass man die Welt hinter den Bergen nicht sehen kann, stört Herrn Schorno nicht: „Berge geben Orientierung.“

Die Welt hinter den Bergen erahnt man erst in der Vertriebshalle, die jährlich sechs Millionen Messer auf den Weg bringt – an die internationalen Vertriebszentren des Konzerns, an Privatabnehmer und die Armeen von 16 Ländern, darunter die deutsche Bundeswehr. „Johannesburg“ steht auf einer Kiste, „Algier“ auf einer anderen, auch „Sydney“ und „Leicester“ warten auf Ware aus Ibach.

Natürlich weiß man bei Victorinox sehr genau, dass es eine Welt hinter den Bergen gibt. Sie langt mitunter ins Tal hinein, diese Welt, so gierig wie die schwarz-braun-gelben Hände, die draußen auf der Straße auf einem Plakat der Schweizer Volkspartei nach dem Schweizer Pass greifen. „Stop!“, steht darunter.

Der 11. September 2001 war so ein Moment. Weit, weit weg brachten zwei Flugzeuge ein Hochhaus zum Einsturz – und die Erschütterung war bis nach Ibach zu spüren. Die Sicherheitsbestimmungen im Flugverkehr wurden verschärft, Victorinox konnte keine Messer mehr in den Souvenir-Shops der Flughäfen verkaufen, gut ein Drittel des Taschenmessergeschäfts brach damit weg. Zum Glück hatte man schon Jahre zuvor begonnen, das Geschäft schrittweise zu diversifizieren, weil der Messerhandel immer stärker unter asiatischen Plagiaten litt. Herr Schorno hat die Zahlen im Kopf: 800 000 gefälschte China-Messer gelangten 1985 nach Amerika, 3,5 Millionen Originale lieferten die Schweizer. 15 Jahre später kamen sieben Millionen Messer aus der Schweiz – und 64 Millionen aus China. Die Fälschungen aus Fernost füllen in Ibach ganze Schubladen, so manche Kuriosität ist darunter. „Superior Multi Purpose Knife“ nennt sich ein Exemplar mit besonders minderwertiger Klinge, auf dem „Wonderknife“ prangt ein rot-weißes Kreuz, das eher dem Nato-Stern ähnelt als dem Schweizer Nationalsymbol.

Den infamsten Schlag aber versetzte den Ibachern nicht China, sondern ihr ureigenster Kunde – die Schweizer Armee. Auch das hatte mit der Welt hinter den Bergen zu tun: Die Welthandelsorganisation schrieb vor, den Auftrag zur Belieferung der Armee international auszuschreiben. Zwar ist die wirtschaftliche Bedeutung für Victorinox gering – die Firma produziert am Tag mehr Messer, als die Armee in einem Jahr benötigt. Der Image-Verlust aber wäre gewaltig: „Da würde ein Aufschrei durchs Land gehen“, glaubt Schorno. „Es wäre eine Lachnummer, wenn die deutsche Bundeswehr Schweizer Qualitätsmesser bekommt und unsere eigenen Soldaten etwas Minderwertiges.“ Noch läuft die Ausschreibung. Außer Victorinox soll sich eine Handelsgesellschaft mit Sitz in Zürich beworben haben. „Chinesen wahrscheinlich“, sagt Schorno. Beunruhigt klingt es nicht.

Zur Sicherheit aber setzt man bei Victorinox verstärkt auf andere Produkte. Küchenmesser, Mehrzweckzangen, Uhren, Reisegepäck, Sportkleidung und Parfüms werden heute unter dem zugkräftigen Markennamen vertrieben. Herr Schorno möchte unbedingt noch die „alpine Note“ des Victorinox-Herrendufts demonstrieren. Sie geht leider etwas unter in der Kuhmistnote, die zum Fenster hereinweht.

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