Was bleibt für Rot-Grün? : Die bürgerliche WG

Helmut Schümann

Zur konstituierenden Sitzung des Bundestages hatte Judith Skudelny von der FDP ihre vier Monate alte Tochter im Tragegestell mitgebracht. Ein neues Bild, ein frisches und schönes war das. Man hätte sich auch vorstellen können, dass Frau Skudelny ihr Baby im Bedarfsfall stillt. Das Selbstverständnis, mit dem das Hohe Haus die mütterliche Prioritätenliste abhakte – erst kommt das Kind, dann die Kanzlerin – ist einerseits hoch erfreulich. Andererseits geht es zu im Bundestag wie, ja wie …

… erinnert sich noch jemand? So eine anständige korrekte Wohngemeinschaft der siebziger Jahre hatte ein paar Kodices. Gewiss ging es basisdemokratisch zu, und gewiss nicht mehr patriarchalisch. Die Jungs der siebziger und frühen achtziger Jahre hatten gut zu machen, was ihre älteren Brüder, die Achtundsechziger, Frauen noch vorenthalten hatten: nämlich das Eingeständnis, dass Frauen nicht nur Hintern haben, sondern manchmal auch Herz und Hirn. Frauen durften in diesen WGs ruhig mitreden, manchmal sogar bestimmen, wo es langgeht. Nur weil eine Frau in ganz anderen Lebensumständen aufgewachsen war und sich womöglich auch noch für so etwas Dröges wie Physik interessiert, das ist doch kein Hinderungsgrund.

In diesen WGs herrschte selbstredend Toleranz. Gleichgeschlechtliche Liebe, herrje, als ob das noch ein Thema gewesen wäre. Muss doch jeder für sich selber klarmachen, hätte man gesagt, und, na klar, dieser Typ geht einem mitunter gewaltig auf die Nerven, aber doch nicht, weil er schwul ist, hätte man gesagt, doch nur wegen seiner albernen Späße, sonst doch nicht.

Selbstverständlich waren in diesen WGs auch Migranten, die damals aber noch Ausländer hießen, höchst willkommen. Nicht nur, weil sie besser kochen konnten, sondern vor allem, weil alle Menschen Brüder sind, und natürlich, sorry, auch BrüderInnen, äh, Schwestern. Aber schon auch wegen der Küche, und, warum auch nicht, essen wir heute mal vietnamesisch.

Irgendwann kamen in diese WGs, es waren ja nicht alle Mitglieder gleichgeschlechtlich, auch Kinder. Kleine Kinder, süße Kinder, die ihre Niedlichkeit ablegten, wenn sie plärrten. Dann hatten sie Hunger. Die natürliche Speisung von Babys gibt die Mutterbrust. Die WGs waren natürlich natürlich, und was ist natürlicher, als wenn die Mutter der Kleinen mitten in der, sagen wir, Diskussion um die Demobeteiligung die Brust gibt.

Oder anders gesagt: Die Insignien der links-alternativen WGs sind jetzt nach rechts gewandert. Und noch anders gefragt: Was bleibt eigentlich für Rot-Grün?Helmut Schümann

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