Zeitung Heute : Was bleibt von Stefan Heym?

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Von Robert Ide, Cambridge

Als sich die beiden zum ersten Mal trafen, bat Stefan Heym zunächst um ein wenig Geduld. Er ging ins Haus, wühlte in einem Schrank und kam erst nach ein paar Minuten zurück in den Garten. In der Hand hielt er ein schwarzes Diktiergerät. Heym drückte auf den roten Aufnahmeknopf. „Made in Japan“, sagte der Schriftsteller und wog wohlwollend den Kopf, „den deutschen Geräten traue ich nicht.“ Beide lachten. Dann redeten sie miteinander. Bis es draußen dunkel wurde. Es war ein warmer Tag gewesen, damals im Spätsommer 1982.

Peter Hutchinson sitzt in seinem Büro im englischen Cambridge und gießt sich Sherry nach. Es ist Mittag, und er könnte noch stundenlang von seinem Freund erzählen. „Stefan mochte lieber Scotch“, sagt Hutchinson. Sie haben sich vor 20 Jahren kennen gelernt, heute ist Hutchinson 57. Am Anfang wollte der englische Germanist mit einem Faible für ostdeutsche Schriftsteller nur ein wenig über Heyms Arbeit erfahren. Also trafen sie sich im Gartenhaus in Grünau. Später gingen sie gemeinsam essen, schrieben sich Briefe, telefonierten. Irgendwann fuhren sie zu zweit in die schottischen Berge, Urlaub machen. Seit vier Monaten ist Stefan Heym tot. Sein Privatarchiv ist in Cambridge, bei seinem Freund Peter.

Schon 1992 hat Stefan Heym sein Werk außer Landes gegeben. Gemeinsam mit Hutchinson belud er in Berlin einen großen Lastwagen: 300 Kisten Manuskripte, 75 Kisten Korrespondenz, 40 Kartons Pressematerial. Dazu hunderte von Audiokassetten, Videos und Fotos. Sein ganzes Leben. Der in Chemnitz geborene Jude, der aus Deutschland flüchten musste, als Soldat nach Europa zurückkehrte, in den USA erste literarische Erfolge feierte und schließlich dem antikommunistischen Amerika den Rücken kehrte, um DDR-Bürger zu werden – er traute den Deutschen nicht. Bis zum Schluss.

Liebe zu England

Von Stefan Heym ist nur ein Satz überliefert, der den Transfer erklärt: „Ich frage mich manchmal, was in einem Land, in dem Menschen lebendig verbrannt werden, erst mit Papieren geschehen kann.“ Es war dies die Zeit, als im Osten der Republik Ausländerheime angezündet wurden. Eine Zeit, in der niemand mehr vom Sozialismus träumen wollte. Heym zog auf der Liste der PDS in den Bundestag ein, doch im hohen Hause schlug ihm kalte Arroganz entgegen. Bei seiner Eröffnungsrede als Alterspräsident verweigerte ihm die Unionsfraktion demonstrativ den Beifall. In einem Kölner Restaurant kam ein Fremder auf den Literaten zu und schlug ihm ins Gesicht. Es war dies die Zeit, in der Stefan Heym alle Illusionen über seine Landsleute verlor. Er dachte wieder daran, ins Exil zu gehen. Und er sorgte sich um seinen Nachlass. Nach Amerika wollte er ihn nicht geben, in Deutschland wollte er ihn nicht lassen. Hutchinson sagt, Heym habe England geliebt. Wie er darauf kommt, sagt Hutchinson nicht. „Ich kann es nicht beweisen.“ Aber was kann man schon beweisen nach dem Tod? Wenn nur noch Spuren bleiben. Und Fragen übrig sind.

Was geschieht mit einem Leben, wenn es archiviert wird? Geht es verloren? Bleibt es bestehen? Stefan Heym muss sich darüber viele Gedanken gemacht haben. Von früher Jugend an hat er jedes Blatt Papier gesammelt, das ihn betraf oder das er beschrieb und es über die Kontinente getragen. Jetzt liegt alles in einem engen, dunklen Raum im zweiten Stock der renommierten „Cambridge University Library“. Sortiert und katalogisiert. 88 Jahre in fünf Regalwänden. Das war sein Wille.

Der Schlüssel hakt im Schloss, die braune Klinke lässt sich nur schwer nach unten drücken. David Lowe öffnet langsam die Tür zur „Stefan Heym Collection“. Der Bibliothekar mit akkurat sitzender Krawatte drückt auf den Lichtschalter und rückt sich die Brille auf der Nase zurecht. Die Neonleuchten flackern auf. Lowe schaut sich kontrollierend um: „Alles ordentlich.“

Lowe schreitet die hellen Holzregale ab, die bis an die Decke reichen. An den Wänden lächelt der Dichter von Plakaten herab. „Stefan Heym signiert seinen neuen Roman Lassalle“, steht da weiß auf schwarz. „Donnerstag, 7. März 1974, im Internationalen Buch.“ Auf dem Tisch eine zerbeulte Sammelbüchse, darauf Heyms Profil und die rote Aufschrift „Einmischung“. Daneben ein bronzener Helm – Utensil aus einer Romanverfilmung. In der Ecke tickt eine Uhr.

Stefan Heym hieß gar nicht so. Als Helmut Flieg wird er am 10. April 1913 in Chemnitz geboren. Sein Vater ist ein jüdischer Kaufmann, und er selbst will schon als Knabe so werden wie Schiller. Wegen eines antimilitaristischen Gedichtes wird er von seinem Chemnitzer Gymnasium geworfen. Zum ersten Mal maßen sich andere an, ihn zu schlagen. „Ich bin in die Jahre geboren, / die Jahre der Finsternis und Vernichtung. / Schönheit und Duft sind in blutiger Nacht erfroren. / Und es gibt nur noch eine harte Verpflichtung.“ Der Geschlagene wehrt sich mit Worten. Er ist gerade 18.

Ganz oben links im ersten Regal steht eine orangefarbene Box. Darin liegen Helmut Fliegs erste Gedichte, abgetippt auf dünnen, vergilbten Blättern. Es sind hunderte Seiten – thematisch geordnet, teilweise gelocht, meist durchnummeriert. Die Gedichte handeln vom deutschen Alltag zu Beginn der 30er Jahre, von Politik und enttäuschter Liebe. Sie heißen: „Das Opfer“, „Ballade vom Herzen Europas“ oder „Epilog auf Luise“. An manchen Seiten hängt der Rost alter Büroklammern. In einigen Texten ist ein gedrucktes Wort von Hand verbessert. Durch ein „Doch“ geht ein dicker, blauer Tintenstrich, darüber steht in dünner Handschrift ein „Jedenfalls“.

Helmut Flieg geht nach Berlin. Er macht Abitur, beginnt ein Studium. Er schreibt Gedichte über die „Sonne hinter Karstadt“ und veröffentlicht erste Artikel, etwa in Carl von Ossietzkys Zeitschrift „Die Weltbühne“. Als die Nazis durch die Straßen marschieren, flüchtet er über die Berge nach Prag. Er sendet Postkarten an seine Familie – um sie zu schützen unter falschem n: Stefan Heym. Etliche seiner Verwandten kommen später in den Vernichtungslagern um, Stefan Heyms Vater begeht Selbstmord. Der Sohn dichtet daraufhin: „Ich bin schon tot. Es ist nur noch die Grenze, / die es zu überschreiten gilt. / Ich bin längst außerhalb der alten Tänze. / Ich wollte, dass die Sonne nicht so glänze. / Doch oben ist es schattig, schwarz und mild.“

Heym muss über die Meere, um vor dem Terror sicher zu sein. Und er muss Deutschland verlassen, um literarischen Erfolg zu haben. Seine neue Welt wird Amerika. Nach mühsamen Jahren, in denen er sich als Tellerwäscher, Redakteur und Druckereivertreter in Chicago und New York durchschlägt, gelingt ihm 1942 der Durchbruch. „Hostages“ heißt der Roman, der später als „Der Fall Glasenapp“ auf Deutsch erscheint. Darin werden harmlose Besucher eines Prager Restaurants festgenommen und hingerichtet, weil sie das Leben eines deutschen Soldaten auf dem Gewissen haben sollen. Held der Geschichte ist ein Toilettenmann, der trotz Folter zu seinen Idealen steht und gelassen in den Tod geht. Ein standhafter kleiner Mann. Heyms literarische Idealfigur.

Der Schriftsteller verändert sich. Heym legt die schwermütigen Gedichte zur Seite, er schafft Platz für klar geschriebene Storys. Im Archiv von Cambridge findet sich die geistige Vorlage dafür: Heinrich Heine. Heym verfasst eine Dissertation über Heine, an der University of Chicago. In der Einleitung schreibt der Nachwuchs-Autor über sein Vorbild: „Als Journalist ist Heine gezwungen, aus der Dichterklasse herauszugehen und sich intensiv um das äußere Geschehen in seiner Umwelt zu bekümmern.“ Genauso versucht Heym fortan, sich Publikum zu erschreiben und Einfluss zu nehmen. Heym wird Journalist und Dichter, Beobachter und Sozialist, Ironiker und Träumer.

„Die Literaturgeschichte ist die größte Morgue, wo jeder seine Toten aufsucht, die er liebt, oder womit er verwandt ist.“ Diesen Satz hat Heinrich Heine einst aufgeschrieben. Stefan Heym verinnerlicht ihn. Kurz vor seinem Tod beehrt er noch einmal sein Idol. Am 13. Dezember 2001 reist Heym nach Jerusalem, um einen Vortrag über Heine zu halten. Drei Tage später erliegt er am Toten Meer einem Herzversagen.

Nun ruht Stefan Heym auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin. Sein Werk jedoch liegt in Cambridge, der kleinen Universitätsstadt nordöstlich von London. Ein verträumter Ort, der aus kaum etwas anderem als Colleges und Parks zu bestehen scheint. Vor 800 Jahren kamen die ersten Studenten nach Cambridge, noch heute säumt junges Publikum die schmalen, gepflasterten Gehwege. An grünen Hecken und hellen Sandsteinwänden lehnen Fahrräder, Verkehrslärm und Staus gibt es nur auf wenigen Straßen. Alles ist arrangiert, nur manch alter Baum zieht mit den Wurzeln zarte Risse durch den Asphalt. Was mag Stefan Heym hierher gezogen haben? Die Stille? Das Niveau? Die Gelassenheit?

„Es war die Angst“, sagt Peter Hutchinson und stellt das Sherry-Glas auf den Schreibtisch. Schon in den 80er Jahren habe sich Heym Sorgen um sein Privatarchiv gemacht. Der DDR habe er seine Sachen auf keinen Fall überlassen wollen, wegen der Stasi. Aber hat Heym die DDR nicht geliebt? War das kleine, zerbrechliche Land nicht trotz aller Probleme seine Heimat? „Natürlich, es war sein Platz.“ Hutchinson erhebt sich von seinem Stuhl, geht ins Nebenzimmer seines Büros. Dort an der Wand, versteckt hinter Bücherstapeln, hängt ein Foto: Stefan Heym im weißen Campingstuhl auf der Terrasse seines Gartenhauses, mit lachendem Gesicht und zusammengekniffenen Augen. Hutchinson nimmt das Bild in die Hand und pustet den Staub vom Glasrahmen. „Stefan war glücklich“, sagt Peter Hutchinson.

Als sich beide schon besser kannten, gingen sie einmal am Alexanderplatz essen. Im obersten Stockwerk des „Hotel Stadt Berlin“ war ein Tisch reserviert. Drinnen dinierten Offiziere der Roten Armee. Als Heym durch das Restaurant schritt, drehten sich alle um, auch die Kellner. Manche nickten ihm zu. „Überall, wo Stefan hinkam, klopften ihm die Leute auf die Schulter“, erinnert sich Hutchinson. „Ich habe nie vorher erlebt, dass ein Dichter solch ein Star sein kann.“ Ein Autor, der im Restaurant Autogramme schreibt – das gibt es nicht allzu häufig auf der Welt.

Stefan Heym fährt einen Westwagen, er darf reisen. Doch wichtige Bücher von ihm sind verboten. Der Schriftsteller ist Teil des DDR-Systems. Und Dissident. Beides findet sich in seinen Schriften wieder. Beispiel: „Die Bürger in meinem Staate haben dieses Jahr, fand ich, besonders gut gearbeitet; und sie haben mehr und besser gegessen als je, sie besitzen schönere Kleider, billigere Schuhe und mehr Wohnungen.“ Diese Worte tippt Stefan Heym im Oktober 1958 auf seiner Schreibmaschine ab. Der kleine Text, mittendrin in einem dicken Ordner voller Notizbücher und Zeitungsartikel, endet mit einem Aufruf in eigener Sache: „Und da ich dies alles möchte, gehört den Kandidaten der Nationalen Front am Wahltag meine Stimme, der Deutschen Demokratischen Republik jederzeit meine Kraft.“

Ein paar Blätter weiter liegt das Protokoll einer Tagung ostdeutscher Schriftsteller vom Oktober 1962. Dort hält Heym eine Rede – eine wütende Rede. Auszug: „Die Literatur ist ein schöner, bunt schillernder Vogel mit einer goldenen Kehle, der hoch in die Luft steigen und singen sollte. Aber die Flügel sind ihm gestutzt worden und eine Kette wurde ihm ans Bein gelegt, und nun hüpft er im Kreise und piepst kläglich. Um ihn herum stehen Leute und schlagen die Hände zusammen: Wie sonderbar! Wie unerklärlich! Der Vogel fliegt nicht! Außerdem stehen da noch andere Leute, die das Hüpfen des armen Tiers lauthals als den einzig richtigen Vogelflug und das kümmerliche Piepsen als vollkommensten Gesang preisen. Inzwischen wird der Vogel immer matter; und anderswo in der Welt, wo Vögel wie es sich gehört hoch in die Luft fliegen und singen, wundert man sich und schüttelt den Kopf über derartige Methoden zur Förderung von Flug und Gesang der Vögel.“

Autogramme im Restaurant

Die DDR – ist das Stefan Heyms goldener Käfig? Er bleibt dem Staate treu bis zum Ende, immerhin. Und doch quält er sich mit ihm herum. So sehr, dass er sich am 4. November 1989 vor eine Million Demonstranten auf dem Alexanderplatz stellt und sich zu ihrer Stimme macht. „Es ist, als habe einer das Fenster aufgestoßen nach all den Jahren der geistigen, wirtschaftlichen und politischen Stagnation“, ruft er mit bebender Stimme ins Mikrofon. Die Menschen unten jubeln ihm zu.

Ja, er opfert sich für seine Leser. Und für sich selbst. Mehr als 20 Jahre investiert er in einen einzigen Roman und handelt sich damit nur Ärger ein. Am 17. Juni 1953 fährt Heym durch Ost-Berlin und wird Zeuge eines Aufstands. Er sieht demonstrierende Arbeiter, sowjetische Panzer und eine Horde betrunkener Männer, die sein Auto zertrümmert. Er hört Schüsse. Und er versteht die Welt nicht mehr. Heym notiert: „Arbeiter im Streik gegen den Arbeiterstaat – was ist da vorgegangen in den Menschen? Woher die Widersprüche, die plötzlich aufbrechen?“ Der Schriftsteller macht sich an die Arbeit. Er geht in Betriebe, interviewt Parteifunktionäre, reist in die Sowjetunion. Ein Buch entsteht über jenen „Tag X“, an dem ein kurzsichtiges Volk seinen Staat an den bösen Kapitalismus auszuliefern drohte. Obwohl das der Lesart der SED sehr nahe kommt, bleibt das Werk verboten. Die Parteielite hat keine Lust auf Fehlerdebatten, und deshalb schickt sie ihm Gutachten voll vernichtender Prosa ins Haus. Eine „gewisse negative Orientierung“ wird ihm darin attestiert, „eine historisch falsche Darstellung der Arbeiterklasse“ oder eine „parteifeindliche Haltung“.

Doch Heym gibt nicht auf, er schreibt sein Manuskript um. Die Papiere in Cambridge – allein die Bände über den 17. Juni füllen eine halbe Regalwand – geben Auskunft über diesen mühsamen Prozess. Erste Fassung: „In der DDR hatten Arbeiter in Betrieben gestreikt, es hatte Straßenkrawalle gegeben und die Sowjetarmee hatte eingreifen müssen.“ Zweite Fassung: „In der DDR hatten Arbeiter in ihren Werken gestreikt, es hatte Straßenkrawalle gegeben und die Sowjetarmee, die Armee der Arbeiter, hatte eingreifen müssen, um faschistische Provokationen und Anschläge auf das Leben deutscher Arbeiter abzuwehren.“ In der dritten Fassung streicht Heym die „faschistischen Provokationen“ wieder. Der Autor wiegt jeden Halbsatz, Wort für Wort ringt er um seine Überzeugung. Doch die Partei will kein Buch über 1953, egal, was darin steht, sie schikaniert den quengelnden Autor, engt ihn ein, und schließlich, es ist schon 1974, gibt er das Manuskript weg aus seinem Land. „Fünf Tage im Juni“ erscheint im Westen. Und die Romanfigur, der Gewerkschaftsfunktionär Witte, ist zu einem zweifelnden Helden geworden. Heym hat wieder eine Hoffnung verloren.

Wenn man sich die Frage stellt, was von einem Menschen bleibt, von seinen Hoffnungen, Konflikten und Illusionen, dann finden sich keine großen Antworten. Nur Kleinigkeiten. Stefan Heym hat seine Arbeit bis ins Detail dokumentiert – deshalb gibt es vieles, was sich zu einem Bild zusammenfügen lässt. Etwa der kleine, braune Kasten mit Karteikarten, auf denen Interviews mit DDR-Stadtplanern dokumentiert sind. Oder Dias von Besuchen in Stalingrad und Buchenwald. Eine zerknitterte, englische Gebrauchsanleitung für IBM-Schreibmaschinen. Die Gipsmaske von Stefan Heyms Gesicht, zu Lebzeiten angefertigt von einem Bildhauer. Dazu Tonbänder, Audiokassetten, Kisten voller Zeitungsschnipsel. Hatte da einer Angst, dass er in Vergessenheit geraten könnte?

„Dieses Archiv ist Zeugnis einer Selbstbespiegelung“, sagt John Heath. Heath ist 23 Jahre alt, er trägt weiße Turnschuhe. Tag für Tag hockt er im Archiv und schreibt an seiner Doktorarbeit zum Thema „Stefan Heym und der Personenkult“. Abends setzt er sich in ein Pub, holt sich dunkles Bier von der Theke und denkt über die Zufälle des Lebens nach. John Heath kommt aus dem Norden Englands. Er hat als Schüler eine Menge Bücher gelesen, weil seine Freundin im englischen Westen lebte und er viel unterwegs war. Auf einer seiner Zugreisen hat Heath ein Buch von Heym mitgenommen. Es hat ihn nicht sonderlich beeindruckt. Nur eines fand er interessant: „In Heyms Romanen gibt es immer einen kleinen Helden. Und der hält im historisch wichtigen Moment immer eine große Rede.“ Heath ist bei Heym hängen geblieben. Jetzt will er wissenschaftlich beweisen, dass der Ostdeutsche zuerst den Personenkult anderer angeprangert und später einen Kult um sich selbst veranstaltet hat. Heath möchte Heyms Leben mit kritischer Distanz analysieren. Aber beim Abschied vor dem Pub gibt er zu: „Er ist auch mein Held.“

Endgültiger Abschied

Bewunderung – ist es das, was Heym wollte? Oder ging es ihm um die Dokumentation von Zeitgeschichte, um die Chronik seines Jahrhunderts? Stefan Heym hat Tagebuch geschrieben, jeden Abend. Und im Archiv zieht sich eine Sache durch die Jahrzehnte – Notizen über sich selbst. Und das liest sich so: „Auf einer Party begegnet Heym Gertrude Gelbin, Filmredakteurin bei MGM, heiratet sie und wird in die US-Army eingezogen. In der Armee wird er amerikanischer Staatsbürger.“ Bereits 1988 legt Heym eine Autobiografie mit dem Titel „Nachruf“ vor. Die Fortsetzung, von ihm selbst „Nachruf 2“ genannt, stellt er wenige Tage vor seiner letzten Reise fertig. Nur Inge Heym, seine zweite Frau, weiß davon. Die Witwe sagt über das Buch, es lese sich wie ein endgültiger Abschied.

„Stefan hatte immer ein Auge darauf, was nach seinem Tod passiert“, meint Peter Hutchinson und erhebt noch einmal das Sherry-Glas. Und dann erzählt er eine letzte Geschichte.

Als sich die beiden Männer zum ersten Mal begegneten, damals im Spätsommer des Jahres 1982, und draußen im Garten miteinander diskutierten und lachten, da fragte Peter Hutchinson seinen Gastgeber, warum er denn die ganze Zeit ein Diktiergerät mitlaufen lasse. Stefan Heym kniff die Augen zusammen und antwortete: „Vielleicht sage ich etwas Gutes, das ich später gebrauchen kann.“

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