Zeitung Heute : Was braucht ein Weltmeister?

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Von Helmut Schümann, Bilbao

Argentinien macht’s wahrscheinlich. Wahrscheinlich ist aber auch Frankreich. Spanier, Engländer – eher nicht, weil die einen noch nie etwas gerissen haben bei großen Turnieren und die anderen im Nachteil sind durch viel zu viele Spiele in der Saison und die lange Verletzung ihres großen Stars David Beckham. Brasilien ist nicht zu unterschätzen. Italiener? Ach was. Portugal? Weiß man’s. Und die Deutschen? Die Männer von Rudi Völler, das heißt, die, die noch übrig geblieben sind nach den vielen Absagen wegen Verletzung oder Lustlosigkeit? „Hmmh“, sagt da Jupp Heynckes, und mehr sagt er nicht, hebt aber die Augenbrauen und dreht die Augen nach oben. Zuversicht spricht nicht daraus.

Aber dann zählt Heynckes, 57, die üblichen Argumente auf, die deutsche Fußballer immer in den Favoritenrang heben: Turniermannschaft, Willensstärke, Steigerungsfähigkeit und so weiter und so fort. Nur, wo ist eigentlich der Unterschied zwischen Fachsimpeln über Fußball in der Kneipe und Fachsimpeln über Fußball mit einem Fachmann? Ach ja, die Räumlichkeiten sind anders, Heynckes trafen wir im getäfelten Besucherzimmer der Villa Ibaigane, die Geschäftssitz ist von Athletic Bilbao.

Viel hätte ja nicht gefehlt, und man hätte jetzt nicht mit dem Fachmann gefachsimpelt, sondern gar nicht reden können mit Heynckes, weil er mit der deutschen Nationalmannschaft längst in Asien gewesen wäre, als deren Trainer. Gefehlt hat nur sein „Ja!“, und das hätte er vor zwei Jahren geben können. Damals war Heynckes bei Benfica Lissabon engagiert, hatte es dort kulinarisch, geographisch und klimatisch bestens getroffen, und den deutschen Fußballern stand bei der Europameisterschaft in den Niederlanden und Belgien mit und wegen dem damaligen Trainer Erich Ribbeck ein Debakel bevor. Der Deutsche Fußball-Bund hatte vorab schon mal um Heynckes als Coach geworben, der aber hatte aus sehr privaten Gründen abgelehnt. Er war dann lieber wieder nach Bilbao gegangen, wo er zehn Jahre zuvor schon einmal war – und bis heute gerne gesehen ist.

Wir haben Jupp Heynckes vor dem Fachsimpeln von der belebten Straße Alameda de Mazarredo aus beobachten können. Er stand auf dem Hof vor der Villa Ibaigane, sprach mit dem Pressesprecher des Klubs ein paar Termine durch, und wir konnten auch sehen, wie vorbeieilende Passanten stehen blieben und ihm lachend zuwinkten. Schon am Abend zuvor hatten sich ein paar Gäste im Café Irun, wo die Schinken von der Decke hängen und die Tradition hochgehalten wird, lobend geäußert über Señor Heynckes. „Ein Philosoph“, hatte einer gesagt. Der hispanische Teil der Welt driftet eben gerne mal ins Existenzielle ab, wenn vom Fußball die Rede ist.

Zu viel Disziplin

Der deutschsprachige Teil hebt mehr auf Fakten ab. Und dann erwähnen einige im Falle Heynckes auch schon mal, dass er Mitte der 90er Jahre mit Disziplin – viel zu viel Disziplin, wie sie sagen – als Trainer von Eintracht Frankfurt die damals große Mannschaft um Uwe Bein, Jay Jay Okocha und Anthony Yeboah zerschlagen hat. Auf der Faktenliste steht allerdings auch die zweimalige Meisterschaft, die Heynckes mit dem FC Bayern München holte, steht der Gewinn der Champions League mit Real Madrid. Und weil er bei Bayern München schon zuzeiten mit der Viererkette experimentierte, als die meisten Deutschen diese offensive Abwehrformation noch für den Allradantrieb eines Geländewagens hielten, steht da auch sein Ruf, Vordenker in der Branche zu sein.

Und dann hat Heynckes rübergewinkt, trat hinaus auf die Alameda de Mazarredo, verursachte dort einen kleinen Stau und lud noch vor der Suche nach dem Weltmeister zu einem kleinen Rundgang – gerade so, als wolle er bekräftigen, wie gut er’s wieder getroffen hat, geographisch, klimatisch, obwohl’s doch nieselte an jenem Tag in Bilbao – und kulinarisch, „aber dazu später“, sagte er.

Zu leugnen ist das ja auch alles nicht in der herrschaftlichen Villa Ibaigane aus dem vorvergangenen Jahrhundert. Drinnen ist alles aus Holz, dunkel, gediegen – edel bis runter in den Keller, wo sich die Klubräume für die Grandes, die großen alten Herren, befinden mit Pokalen und bestens bestückter Bar. Gerade kam Fernando Ochoa vorbei, der ist den Basken, was den Deutschen der Seeler ist, und Anchel Iribar ist auch da. Das ist der, der 1966 bei der Weltmeisterschaft in England in Spaniens Tor stand, aber auch nicht mehr eingreifen konnte, als Lothar Emmerich von der Torauslinie den Ball fürs bundesdeutsche Team unter die Latte ins Tor hämmerte. Iribar ist trotzdem heilig in Bilbao, so heilig, dass Heynckes höchstselbst ins Raunen verfällt – „das ist der Iribar“ – als der Iribar ihn mit viel Überschwang und „Jupp“ begrüßt. Und da ist dann auch nicht zu leugnen, dass es dem Heynckes trotz aller geographischen, klimatischen und kulinarischen Freuden vor allen Dingen um Fußball geht im Leben.

Was also, Señor, braucht der Weltmeister 2002? Na, ja, wenn man ihn im Café Irun schon als Philosoph bezeichne, „ein bisschen albern, oder“, aber dann antwortet er mit Arrigo Sacchi, dem früheren italienischen Nationaltrainer, noch früherem Schöpfer des AC Milans, der Top-Mannschaft der 70er Jahre: „Eine erfolgreiche Mannschaft muss ein Körper sein aus elf Teilen.“ Bewegt sich der linke Außenstürmer, sozusagen der linke Arm, nach vorne, müssen die anderen zehn Körperteile die Bewegung adäquat mitmachen. Und wie in einem Körper gibt es keine unwichtigen Teile. Der Torwart? Nein, der rennt natürlich nicht nach vorne, beim elfköpfigen Körper ist der Torwart die Psyche, der, der die Stabilität verleiht, souverän in sich ruht und Fehler ausgleicht. Hmmh, Oliver Kahn, ein Mann, der in sich ruht? „Hab’ ich gesagt, ich bin Fußball-Philosoph?“ Nein. Aber Fachmann. Und deshalb lehnt sich Heynckes jetzt zurück, die Beine unterm Tisch sind ausgestreckt und überkreuzt, und jetzt fängt er an, den Fußball 2002 sehr profan zu sezieren.

Eine Weltmeisterelf hat Stars, aber die haben keine Sonderrollen mehr, sagt er und belegt die These mit Zinedine Zidane, dem Franzosen mit dem schütteren Haar. Star ist der bei den Franzosen, Superstar sogar, „und was hat er im Spiel davon? Nichts, der muss rackern wie alle anderen, rennt rauf und runter, der beherrscht das Spiel, aber bequem ist dieses Herrschen nicht mehr“. Das wäre ja jetzt eine schöne Gelegenheit, noch mal abzudriften, etwa mit der Frage, ob der Fußball kollektiver, ja, demokratischer geworden sei, aber jetzt - „kann sein, ist mir egal“ – ist Heynckes in Fußballfahrt, will nichts mehr wissen vom ideologischen Überbau, rasselt n runter von Fußballspielern weltweit, die jene These belegen und diese Behauptung beweisen. Roberto Carlos, der brasilianische Abwehrspieler, der kann gegnerische Stürmer fällen und den eigenen Angriff lenken. Tristán, der spanische Mittelstürmer, der lässt sich nicht bedienen, der holt sich die Bälle selber, die er ins Tor schießen will. Ballack, der Deutsche, Figo, der Portugiese, Raúl, der Spanier, Verón, der Argentinier; Superstars alle, aber das, weil sie nicht über den anderen stehen. Und wie er sie aufzählt, die Götter der WM, da ist dann Schluss mit dem gelassenen Zurücklehnen, da kommt Fahrt in den Heynckes wie in jeden fachsimpelnden Fußballfan, und der Präsident von Athletic Bilbao, der reinkommt, um Guten Tag zu sagen, muss warten bis Heynckes den Gedanken von den arbeitenden Regenten zu Ende gedacht hat. Dann schenkt Heynckes Wasser nach.

Was den Deutschen fehlt

Gute Gelegenheit, um nach der Taktik des Weltmeisters zu fragen. Und wieder Jupp Heynckes ohne Pause: Spiel auf engstem Raum, hohe Athletik, perfekte Technik, Kreativität, Ästhetik, große Mannschaften spielten heute auf 15, 20 Metern, in detaillierter Kleinarbeit, und deshalb gibt er den Engländern kaum eine Chance. Weil die immer noch über 90 Meter spielen, klar, sieht toll aus für die Zuschauer, da geht es hin und her, übers gesamte Spielfeld, mit langen Pässen und schnellen Leuten, aber antiquiert und leicht durchschaubar und mit einfachen defensiven Mitteln auszuheben und - stopp, Señor…

War da nicht kürzlich ein 1:5 der Deutschen gegen eben diese Engländer?

Aber das zählt nicht, weil Heynckes die Deutschen nicht auf der Rechnung hat, „wir reden doch über den möglichen Weltmeister“, und dann geht es weiter, sozusagen am Stammtisch in der Villa Ibaigane, nur ohne Bier. Und es geht darum, was den Deutschen fehlt, zum Beispiel, die Grundlagen und der Hunger und die sozialen Voraussetzungen. Die Grundlagen kriegen die Kinder beim täglichen Spiel auf dem Bolzplatz, und die gibt es nicht mehr, und Kinder, die nichts anderes im Kopf haben außer Fußball auch nicht, und wir können mit Ausbildung vielleicht einen Bundesligaprofi heranziehen, aber keinen Zinedine Zidane, denn ein Weltmeister braucht auch Gier und Hunger und den Wunsch nach sozialem Aufstieg – und jetzt muss man doch noch einmal dazwischenrufen, weil der Zinedine Zidane keinen sozialen Aufstieg mehr nötig hat, sondern Multimillionär ist.

Aber da hat man wieder keine Chance, weil das sozialromantische Argument von Jupp Heynckes wahrscheinlich stimmt, dass dieser Zidane, Kind algerischer Einwanderer in Frankreich, wie andere Stars aus ärmeren Ländern als Deutschland eben keine Multimillionäre waren, als sie all das lernten, was sie heute können. Aber sie hatten diesen Traum vom Ruhm.

Der Präsident schaut rein, bietet noch mehr Wasser an, wahlweise auch Wein, aber Jupp Heynckes ist noch nicht fertig, muss noch begründen, warum auch die Italiener wohl keine Chance hätten bei der Weltmeisterschaft, weil ihm nämlich sein alter Spieler Fernando Redondo erzählt hat, wie die Italiener in der Vergangenheit trainiert haben, um endlich neben der Technik auch einmal deutsche Tugenden wie Robustheit und Athletik zu erlernen, nämlich mit Chip am Ohr zur Überwachung ihrer körperlichen Fitness, und jetzt können alle rennen, aber nicht mehr spielen, und, bitte schön, wo waren denn die großen italienischen Klubs in den europäischen Wettbewerben, und wer Weltmeister werden will, der muss einfach alles vereinen: Athletik, Technik, Kreativität, Ästhetik.

Und dann hört es endlich auf zu nieseln in Bilbao, und Jupp Heynckes will sein Land zeigen, sein Baskenland, und deshalb werde man jetzt zur Eneperi Jatetxea in Bakio, hoch über dem Meer mit Blick aufs Meer, gehen, auch wegen der schon erwähnten kulinarischen Vorzüge. Man werde dann schon sehen, warum er derzeit mit seiner Frau streite, ob sie nicht im Süden, gar hier am Golf von Biscaya, ihren Altersruhesitz nehmen sollten. Er wolle ja schon, allein, die Gattin strebe zurück ins Rheinland, wo die Tochter die Heynckes gerade zu Großeltern gemacht hat, „als ob die ihr Leben nach unserem ausrichten, warum also umgekehrt“.

Und so fährt Heynckes raus aus Bilbao, am Guggenheim-Museum vorbei, in dem er, jetzt, bei seinem zweiten Aufenthalt in Bilbao endlich auch mal war, zeigt weit außerhalb der Stadt auf ein einsames Haus auf einem Hügel, da lebe sein alter Spanischlehrer, auch so ein Baske, an dem er die Ehrlichkeit schätze, fährt durch Wälder, hier gehe er so gerne mit seiner Frau spazieren, und, doch, man merke ja schon, wie sehr ihm Spanien ans Herz gewachsen sei. Und ehrlich gesagt, so sei es doch auch viel angenehmer, als sich in Asien Rudi Völlers Kopf zerbrechen zu müssen. Und überhaupt, Fachmann hin, Fachmann her, die Frage, was ein Weltmeister braucht oder gar danach, wer Weltmeister wird, „die kann ich genauso exakt beantworten, wie jeder andere Fußballfan auch“. Vielleicht werden’s die Franzosen, vielleicht die Argentinier, denn die sind gerade so immens nationalstolz, weil es ihrem Land so schlecht geht. Weiß man’s, „woher sollte ich“, sagt Jupp Heynckes vor der Eneperi Jatetxea in Bakio. Ein Landarbeiter will wissen, warum es denn nicht geklappt hat mit Athletics UEFA-Cup-Teilnahme, und Jupp Heynckes erklärt es. Wie man Fußball eben erklären kann, nie gänzlich also. Der Arbeiter ist trotzdem sichtbar stolz, so unbekümmert mit dem berühmten Trainer reden zu können, von Mann zu Mann, auf einer Wiese, hoch über dem Meer mit Blick auf das Meer – geradezu glücklich. Und man hat sehr stark den Eindruck, dass es Jupp Heynckes auch ist.

„Wissen Sie was“, sagt Jupp Heynckes, „wir ordern jetzt einen Marqués de Murrieta aus Rioja Alta, „vom Wein verstehe ich nämlich etwas“. Und was der Weltmeister 2002 braucht? „Glück. Glück braucht er auch.“

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