Zeitung Heute : Was dagegen spricht

Ruth Ciesinger

Nordkorea kündigt den Bau weiterer Atombomben an. Was wären die regionalen Folgen und weltweiten Reaktionen, wenn das stalinistische Regime jetzt auch Atomtests durchführen würde?

Können sie, oder können sie nicht – selbst US-Geheimdienste sind mehr als unsicher, ob Nordkorea zu einem Atomtest in der Lage ist. Zwar wäre dann bewiesen, was das stalinistische Regime im Februar zum ersten Mal offiziell und seitdem in variierter Form immer wieder behauptet hat: Es kann eine Atomexplosion auslösen, ist also im Besitz der Bombe. Doch gerade die Unsicherheit über den Stand seines Nuklearprogramms ist Nordkoreas größter Trumpf bei den – ausgesetzten – Sechsergesprächen mit Amerika, China, Russland, Japan und Südkorea. Gewissheit aber würde eine politische Kettenreaktion hervorrufen.

Die Falken in Washington sähen sich bestätigt – in ihrer Forderung nach einem nationalen Raketenschutzschild, sowie in ihrem Ruf nach weiteren Sanktionen gegen Pjöngjang, was eine drastische Reduzierung der überlebensnotwendigen Hilfslieferungen bedeuten würde. Gleiches gilt für Südkorea, China und Japan. Vor allem Seoul und Tokio dürften Probleme mit ihren Wählern bekommen, die kein Verständnis dafür haben, wenn ihre Hilfe offenbar für Rüstungsprojekte abgezweigt wird und nicht den Hungernden zugute kommt. Vereinzelte Konservative in Südkorea fänden Atomwaffen im Norden dagegen gar nicht so schlecht – nach der Prämisse „nach der Wiedervereinigung gehören sie uns“. In Japan fordern schon jetzt Hardliner eine Neuausrichtung der Verteidigungspolitik. Beobachter fürchten deshalb, dass Tokio nach einem nordkoreanischen Test selbst ernsthaft über den Bau von Nuklearwaffen nachdenken könnte.

Aber auch die direkten Folgen sprächen aus Pjöngjangs Sicht gegen einen Atomtest. Ein oberirdischer Test ist aufgrund des nuklearen Niederschlags nach rationalen Gesichtspunkten ausgeschlossen. Ein unterirdischer setzt zwar keine Radioaktivität in der Atmosphäre frei – falls die Versuchsanlage funktioniert. Jedoch ist die nordkoreanische Berglandschaft völlig ungeeignet für ein entsprechendes Testgelände. Japanische Wissenschaftler befürchten deshalb, dass ein Test das Grundwassersystem der ganzen koreanischen Halbinsel verseuchen würde, und letztlich das Meer zwischen Japan und Korea.

Unwahrscheinlich dagegen ist ein US- Militärschlag gegen Pjöngjang. Viel zu groß wäre der Schaden, den die über eine Million Mann starke Armee Nordkoreas im Süden anrichten kann – auch ohne Atomwaffen. Die Hauptstadt Seoul, etwa 45 Kilometer von der Grenze entfernt, könnte in einer Stunde in Schutt und Asche gelegt werden, vermuten Experten. Auch unter den über 32000 in Südkorea stationierten US-Soldaten würde es viele Opfer geben. Und eines sollte nicht vergessen werden: Selbst wenn Nordkorea ein Atomtest gelänge, hieße das noch lange nicht, dass es die Bombe einsetzen kann. Für den Transport braucht es entweder ein Flugzeug, das aber vom Gegner leicht zu lokalisieren wäre, oder ein ausgeklügeltes Raketenträgersystem. Dass das extrem arme Land diese ausgefeilte Technik entwickelt hat, ist unwahrscheinlich.

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