Zeitung Heute : Was den Geist beflügelt

-

Nichts schadet den Geisteswissenschaften mehr als die permanente Beschwörung ihres Untergangs. Den schmerzlichen, durch einen drastischen Generationswechsel beschleunigten Verlust traditioneller Fachgebiete der geisteswissenschaftlichen Fakultät der TU Berlin im Zuge des Spar- und Reformprozesses der letzten Jahre wird niemand schönreden. Mit Ausnahme der beruflichen Fachrichtungen und der Arbeitslehre wurden die Lehramtsstudiengänge der Humboldt-Universität und der Freien Universität zugeschlagen, die entsprechenden Magister- und Promotionsstudiengänge an der TU Berlin laufen aus.

Ein Blick auf unsere Internetseiten zeigt aber, dass die Fakultät im Wintersemester 2006/2007 mit einem Bachelor- und sechs neuen Masterstudiengängen zu einem Neustart angetreten ist, der sich auf die Fahnen geschrieben hat, was kluge Kommentatoren der deutschen Hochschullandschaft anmahnen: Forschung, Studium und Lehre in unseren Fächern an der TU Berlin als besondere Chance zu begreifen und damit explizit an die eigene, von Walter Höllerer, Carl Dahlhaus und anderen in den 50er und 60er Jahren begründete Perspektive von Geisteswissenschaften in einer technisch-wissenschaftlichen Welt anzuknüpfen. Inwieweit das gelingt, wird sich beweisen müssen: No risk, no chance.

„Kultur und Technik“ heißt der gemeinsam von mehreren Fachgebieten einschließlich der Zentren für Antisemitismusforschung und für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung getragene Bachelor-Studiengang, der Wahlmöglichkeit zwischen vier Schwerpunktfächern bietet. Auch in den Masterstudiengängen „Geschichte und Kultur der Wissenschaften und der Technik“, „Historische Urbanistik“, „Kommunikation und Sprache“, „Kunstwissenschaft und Kunsttechnologie“, „Medienkommunikation und Medientechnologie“ sowie „Philosophie des Wissens und der Wissenschaften“ geht es um die kritische „Ko-Evolution“ der Wissenskulturen der „Humanities“ und der „Sciences“ und damit um Probleme, die einen Dialog mit den technisch-naturwissenschaftlichen Fachgebieten ebenso wie kritische Selbstdisziplinierung erfordern: Alle Beteiligten wissen, dass disziplinäre Sattelfestigkeit Voraussetzung für kreative Grenzgänge bleibt.

Das gilt auch für die Forschung. Das Spektrum reicht vom soeben um weitere sechs Jahre verlängerten Transatlantischen Graduiertenkolleg zur Geschichte und Kultur der Metropolen im 20. Jahrhundert, das unter Federführung der TU gemeinsam von den Berliner Universitäten sowie von der New York University und der Columbia University getragen wird, bis zur China-Arbeitsstelle, die sich mit Technik- und Wissenschaftsgeschichte Ostasiens auseinandersetzt.

Von den Formen, Praktiken und Dynamiken des Wissens (Philosophie) über Audiokommunikation und Medienästhetik bis hin zur Sprache (unter anderem Deutsch als Fremd- und technische Fachsprache), Literatur und Kunst in ihren historischen Entwicklungen und Institutionen eröffnen sich fruchtbare Spannungsfelder zwischen geistes-, natur- und technikwissenschaftlichen Fragestellungen, die fakultätsübergreifende Kooperation erfordern.

So hat sich etwa das gemeinsam mit der Architekturfakultät betriebene Schinkel-Zentrum für Architektur, Stadtforschung und Denkmalpflege zu einer weit über Berlin hinauswirkenden, interdisziplinären Forschungs- und Veranstaltungsplattform entwickelt, die innovative Fragen des Stadtumbaus, der Bauforschung, Architekturgeschichte und Denkmalpolitik thematisiert. Fünf Lehrstühle sind zurzeit an der geisteswissenschaftlichen Fakultät wieder zu besetzen. Der Fakultätsentwicklungsplan wird beim Status quo nicht stehen bleiben! Um ihrem humanistischen Gründungsauftrag von 1946 auch in Zukunft gerecht werden zu können, hat die Fakultät sich nicht auf bequeme Servicefunktionen zurückgezogen, sondern ein Studienangebot entwickelt, das unseren Standort reflektiert und nicht nur die Lernenden, sondern auch die Lehrenden herausfordert.

Der Autor lehrt das Fachgebiet Kunstgeschichte und hat als Dekan der Fakultät für Geisteswissenschaften seit 2005 den Reformprozess umgesetzt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben