Zeitung Heute : Was der Protestantismus publizistisch braucht

Robert Leicht

Zwei Meldungen über protestantische Pressepolitik, zwei Fragen - scheinbar ohne Zusammenhang: Soll das bisher wöchentlich erscheinende "Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt" durch eine monatliche Farbbeilage ersetzt werden, die verschiedenen "säkularen" Zeitungen beigelegt wird? Und: Soll die Evangelische Journalistenschule in Berlin geschlossen werden? Es gibt durchaus einen Zusammenhang. Und der wird durch die Frage hergestellt: Wie soll sich die Evangelische Kirche in der modernen Medienwelt mitteilen und behaupten? Zum ersten Teilthema, dem "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt". Der allgemeine Konsens lautet: Es ist gut - aber es geht ihm schlecht. Die Synode der EKD hat beschlossen: Diesem verlegerischen Problem ist auch mit der Fortsetzung der bisherigen Subventionen in Höhe von neun Millionen Mark im Jahr nicht effektiv und verantwortungsvoll beizukommen. Stattdessen also die Option: Mit Hilfe der bisherigen Subventionen und mit der steuerlichen Nutzung des bisher "erwirtschafteten" Verlustvortrags von ungefähr 100 Millionen Mark fünf Jahre lang weitermachen - eben in der Form einer Beilage, eines Supplements.

Hier ist ein Geständnis fällig: Ich kann als Mitglied des Rates der EKD an der endgültigen Entscheidung aus Gründen der persönlichen Befangenheit nicht mitwirken. Das mag man bedauern - oder auch nicht. Mit meinem englischen Freund würde ich aber sagen: a blessing in disguise - ein verborgener Segen. Denn diese Entscheidung ist kaum sinnvoll zu treffen. Wer sie dennoch trifft, betritt, vorsichtig gesagt, publizistisches Gelände, das ein real existierender erfolgreicher Verleger noch nie betreten hat.

Erstens: Noch nie ist es gelungen, ein publizistisches Projekt zum Fliegen zu bringen, bei dem schon beim Start feststand, dass es de facto auf Grund der wirtschaftlichen und steuerlichen Konstruktion nach fünf Jahren wieder vom Markt genommen werden muss, dann ersatzlos. Zweitens: Beilagen sind, für sich genommen, etwas Gutes und durchaus Anständiges. Aber noch nie ist es einem Verleger gelungen, Beilagen mit einem inhaltlich prägnanten Profil zu schaffen. Das eine oder das andere: Tertium non datur - ein Drittes gibt es nicht, bisher jedenfalls. Und wer am "Sonntagsblatt" wegen seiner von niemandem bestrittenen publizistischen Leistung hängt, wird ihm nachtrauern müssen.

Der verlegerische Misserfolg des "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblattes" hat aber im Kern Gründe, die mit gutem Willen und Wagnis gar nicht zu beheben sind. Der mündig gewordene Leser interessiert sich für Politik, für Parteien - auch für Religion und Kirche. Aber er will sich darüber offenkundig lieber aus unabhängigen, distanzierten Medien unterrichten. Deswegen ist ja auch die Zeit von Parteizeitungen an ein Ende gekommen.

Mit anderen Worten: Für den Protestantismus ist es viel wichtiger, seine Themen und sein Profil für die "weltlichen Medien" und Journalisten interessant zu machen; er braucht eine "publizistische Interventionsfähigkeit" im gesamten gesellschaftlichen und medialen Diskurs. Seine eigenen Publikationen können diese Herausforderung nicht mehr ausreichend einlösen - weder so noch so.

Geradezu gefährlich wäre eine Strategie, die alles Gewicht auf selbst gestaltete Publikationen legt (und das überdies nur auf Zeit), die aber nichts Wesentliches zu bieten hat auf dem Sektor der allgemeinen publizistischen Interventionsfähigkeit.

Und damit kommt das zweite Teilthema in den Blick: Die Zukunft der Evangelischen Journalistenschule. Richtig ist: Wer in den Medien vorkommen will, ist auf Menschen in den Medien angewiesen, die seine Sache verstehen und vermitteln. Deshalb gehört zu jeder Zukunftsstrategie das Thema Aus-, Fort- und Weiterbildung von Journalisten. Was heißt das für die Journalistenschule?

Diese Frage lässt sich nicht isoliert, sondern nur im größeren Zusammenhang beantworten. Deshalb war ja in Wirklichkeit nicht die Schließung der Journalistenschule beschlossen worden (und sonst etwa nichts), sondern die Diskussion über eine Gesamtstrategie. Und diese Gesamtstrategie entsteht nicht schon durch die Schließung oder Fortführung dieses einen Instituts.

Die Evangelische Journalistenschule hat im Rahmen ihrer Möglichkeiten gute Arbeit geleistet. Niemand sagt etwas anderes. Vor allem haben sich hervorragende Journalisten an ihrer Arbeit beteiligt. Schon mit diesem "humanen Kapital" gilt es sorgsam umzugehen. Nun wird das Geld knapp, wie überall in den Kirchen. Wer nicht Mitglied der Evangelischen Kirche (und erst recht ihrer Leitungsorgane) ist, und wer zu ihrem Kirchensteueraufkommen nicht beitragen muss, hat es leicht zu sagen: Für diese Schule muss immer Geld da sein. Aber die Kirche selber muss alles verantwortlich auf den Prüfstand stellen können.

Ich selber werde, gerade als Journalist, in solchen Diskussionen immer für den Satz eintreten: Das Beste ist gerade gut genug - und mehr ist immer besser als weniger. Aber wenn man mir sagt, die knapp 700 000 Mark pro Jahr, die die Journalistenschule bis dato gekostet hat, seien nicht mehr aufzubringen, dann stellt sich mir, mit Verlaub, nicht in erster Linie die Frage: Wo kann man das Geld dennoch herbekommen und zusammenkratzen? Sondern meine Frage lautet: Kann man mit diesem Jahres-Betrag im Ernst und auf Dauer verantwortlich eine grundständige, verantwortungsvolle und auch im kirchlichen Interesse ergiebige Journalistenausbildung betreiben? Ich denke über die Notwendigkeit einer soliden Berufsausbildung, offen gesagt, etwas anspruchsvoller - was nicht die Leistungen mindert, die bisher mit viel Engagement erbracht wurden. Aber um es anders auszudrücken: Käme meine Tochter, die gerade Abitur macht, zu mir mit dem Plan, sie wolle sich auf ihr ganzes Berufsleben in einer Institution vorbereiten, die mit derart begrenzten Ressourcen arbeitet - ich würde doch ein sehr besorgtes Gespräch mit ihr suchen. Man kann diese Sorge auch so übersetzen: War es unter diesen schütteren Voraussetzungen eigentlich von Anfang an wirklich vertretbar, diese Journalistenschule als grundständige Ausbildungsstätte zu gründen, und zwar gerade mit dem besonderen kirchlichen Anspruch auf Sorgfalt?

In der Politik ist es seit neuestem üblich, von einem "Anfangsfehler" zu sprechen, der leider weitere Fehler notwendig machte, Entschuldigung. Gerade deshalb hielte ich es für einen Fehler, die schwierige und schmerzliche Grundsatzdiskussion über die weitere Strategie zu scheuen. Und ich hielte es für einen Fehler, diese beschlossene - und wohl äußerst misslich vermittelte - breite Strategiediskussion mit allen Beteiligten zu verdammen. Nur vor Weihnachten werden Wunschzettel ohne Preisschilder ausgefüllt. Die Kirche ist aber kein Weihnachtsmann.

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