Zeitung Heute : Was der Spaß kostet

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Lieber P.,

verzeih’, dass ich erst heute von mir hören lasse. Ich brachte einfach keine Zeile zustande, weil ich andauernd dieses eine Bild im Kopf hatte, wie Didi Hamann sich von Ronaldo den Ball abnehmen ließ, obwohl er ihn doch einfach hätte nach vorne schlagen können! „Hau ihn doch weg!“, brüllten wir alle, und Klaus-Uwe hätte dabei fast sein Bier umgeschmissen. Aber der Didi haut ihn nicht weg, sondern tändelt herum – und dann passiert es. Kahns Fehler? Von wegen! Niemand hat es zugegeben. Nur Dietmar Hamann selbst. „Wie haben Sie das Tor erlebt?“, fragt ihn der TV-Reporter. Er antwortet: „Ich verliere den Zweikampf 25 Meter vor dem Tor…“ So war es, so ist es.

Ich stelle mir vor, wie am 22. September um 18 Uhr 40, wenn die erste stabile Hochrechnung da ist, Gerhard Schröder gefragt wird: „Wie haben Sie die Wahl erlebt?“ Und er antwortet: „Ich verliere den Zweikampf auf den letzten Metern; was gibt’s da zu meckern? Deutschland ist stolz auf meine Mannschaft!“ Oder ich stelle mir vor, wie Edmund Stoiber gefragt wird: „Hat die bessere Mannschaft gewonnen?“ Und er sagt, nach einer klitzekleinen Pause des Nachdenkens: „Nein, die glücklichere…“ Nun aber: Schluss damit und Schwamm drüber. Es hat sich ausgefußballert.

Jetzt beginnt wieder der Ernst des Lebens. Wir werden Zeugen einer dramatischen Endrunde des Wahlkampfes. Andeutungen der Wahlkämpfer entnehme ich, dass – wundersamer Weise – die Politik doch wieder in den Mittelpunkt rücken soll. Du erinnerst Dich an den Anfang? Als Stoiber sich die Kanzlerkandidatur erstritten hatte (das war im Januar), sprach er davon, wie wichtig es sein würde, eine „Entriegelung des zu starren Arbeitsmarktes“ zustande zu bringen. Das war ein anspruchsvolles Wort – entriegeln, also: aufschließen, neue Ideen hereinlassen, Unkonventionelles befördern, sich lösen aus den hergebrachten Denkmustern… Wir waren uns einig, dass damit ein spannender Kompetenzwettbewerb beginnen könnte, geeignet, die Deutschland-AG auf den Weg der Reform zu führen.

Dann berief Schröder die Hartz-Kommission. Und als Peter Hartz seine Vorschläge zur Entriegelung des Arbeitsmarktes vorlegte, wollte Stoiber davon nichts mehr wissen. Was war passiert? Hat den Kanzlerkandidaten der Mut verlassen? Stellen wir uns für einen Augenblick vor, eine Kommission unter Leitung des VW-Vorstandes Hartz zu berufen, wäre seine, Edmund Stoibers, Idee gewesen – wie hätte er sich da in die Brust geworfen…

Es ist ein Trauerspiel. Das „Stoiber-Kompetenz-Team“ muss all seine Kompetenz an der Garderobe abgeben, weil der Kandidat die Sorge hat, den Wählern, die er gewinnen will, könnte auf der Bühne der realen Politik zu viel zugemutet werden. Oder noch verrückter: Der Mann, der Kanzler werden will, lässt sein Versprechen, den Arbeitsmarkt zu entriegeln, einfach fallen, weil er sich einer sachlichen Auseinandersetzung über die Vorschläge, die nun auf dem Tisch liegen, nicht gewachsen fühlt. Oder hält er es einfach nicht mehr für opportun, eine epochale Reform anzupacken, weil sich der amtierende Kanzler endlich, endlich entschlossen hat, sie anzupacken? Das wäre dann der Aberwitz.

Wir hier in Berlin gehen davon aus, dass sich dieser Mangel an Mut im Wahlergebnis bemerkbar machen wird. Man hat davon einen Eindruck bekommen können in den zurückliegenden Monaten, als dem Bundeskanzler Untätigkeit, ja Feigheit vor dem Problemdruck vorgeworfen wurde. An den Umfragewerten war abzulesen, dass Zaudern bestraft wird (Schröder) wie auch Großmäuligkeit (Westerwelle) und dass die Leute Versprechen (Stoiber) ernst nehmen. Und dass sie offenbar ziemlich genau verfolgen, was sich politisch abspielt. Das verblüfft mich zwar durchaus, aber es ist gut so.

Übrigens teilt uns die Demoskopie mit, die FDP sei auf ihrem Marsch zu den 18 Prozent bei zwölf Prozent umgekehrt und soeben bei acht Prozent angelangt.

Angesichts der Lage soll Westerwelle angekündigt haben, er wolle nun für eine Weile den „ernsten Staatsmann“ geben. Einer seiner Mitstreiter habe gesagt, schreibt der „Spiegel“, die Liberalen müssten den „Spaßfaktor verkleinern“.

Vielleicht obsiegt wirklich noch die Politik. Das wäre doch was, oder?

Dein M.

Martin E. Süskind

erklärt einem bayrischen Vertrauten die Berliner Republik

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