Zeitung Heute : Was deutsche Pädagogen meinen

Amory Burchard

Marianne Horstkemper, Erziehungswissenschaftlerin an der Uni Potsdam, verdankt ihre Karriere der katholischen Mädchenrealschule in Hamm. Ihr Vater wollte nicht, dass sie Abitur machte, aber die Nonnen förderten ihre Talente. Nach dem Realschulabschluss wurde Horstkemper Justizbeamtin, studierte dann Psychologie und promovierte. Sie war der Prototyp des „katholischen Arbeitermädchens vom Lande“ – die Galionsfigur der Bildungsreformer der Sechzigerjahre. Und Horstkemper wurde eine der Bildungsforscherinnen, die den gemeinsamen Unterricht in Frage stellten.

Zwei große Ziele der Bildungsreform der Sechzigerjahre waren jedoch: Schluss mit den reinen Jungengymnasien und mehr Mädchen auf die höheren Schulen. Mitte der Achtzigerjahre war es geschafft. Der Mädchenanteil auf den Gymnasien lag bei knapp 50 Prozent.

Und schon wurde die Koedukation wieder in Frage gestellt. Was war passiert? Sehr viel mehr Absolventinnen reiner Mädchengymnasien als koedukativer Schulen nahmen ein Chemie- oder Mathematikstudium auf, erwies 1987 eine Studie. Marianne Horstkemper entwickelte damals gemeinsam mit ihrer Kollegin Hannelore Faulstich-Wieland ein Modell, nach dem Mädchen und Jungen in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern zeitweise getrennt unterrichtet werden sollten, die „reflexive Koedukation“. Ohne die dominanten Jungs verlieren Mädchen die Scheu vor Zahlen und Formeln, nahmen sie an.

Marianne Horstkemper gab Computerkurse nur für Mädchen und war zunächst von deren Erfolgen begeistert: „Sie lernten wunderbar.“ Aber: Ihre Schülerinnen entwickelten nur wenig Selbstbewusstsein und gingen weiterhin davon aus, dass die Männer es doch besser könnten. Und von Horstkemper untersuchte Jungengruppen, die ohne die „doofen“, separat unterrichteten Mädchen Mathe und Physik lernten, fühlten sich noch überlegener. „Die Trennung verstärkt Stereotype der Geschlechter“, glaubt Frau Horstkemper heute. Die Erziehungswissenschaftlerin hat ihre Kritik an der Koedukation weitgehend zurückgenommen. Die völlige Trennung ist hierzulande anders als in den USA überhaupt kein Thema mehr, sagt sie. Und auch die zeitweilige Teilung des Unterrichts wird nur noch in wenigen Bundesländern praktiziert.

„Wir müssen nicht trennen, sondern den Unterricht verändern“, sagt Marianne Horstkemper. Ein Beispiel aus dem Informatikunterricht an einer Hamburger Schule: Jungen und Mädchen werden gemeinsam unterrichtet – von einer Lehrerin. Die Jugendlichen bilden Paare mit einer klaren Rollenverteilung: Schülerinnen und Schüler sollen sowohl programmieren als auch Texte eingeben. So können die Mädchen ihre Kompetenz in der direkten Konkurrenz behaupten.

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