Zeitung Heute : Was die Bilder sagen sollen

In Kolonnen und am Boden, so führen die Amerikaner ihre Gefangenen vor. Die Iraker inszenieren ihre Bilder anders. Sie zeigen Gesichter. Die USA wollen demonstrieren: Eure Truppen sind am Ende. Die andern zielen auf den wunden Punkt der Supermacht, die Angst um ihre Kinder.

Harald Martenstein

Der amerikanische Verteidigungsminister sagte: „Wir erwarten, dass unsere Kriegsgefangenen nach den Regeln der Genfer Konvention behandelt werden.“ In diesem Moment waren weltweit ein paar Millionen Menschen in ihren Fernsehsesseln fassungslos. Kann das sein? Die Regierung der USA hält erklärtermaßen nichts von internationalem Recht, internationalen Gerichten, der schlappen UNO und all diesem Zeug - und jetzt das? Kann man sich auf die Genfer Konvention berufen und gleichzeitig den Standpunkt vertreten, dass US-Kriegsverbrecher, wenn es sie gäbe, auf keinen Fall vor ein internationales Gericht gestellt werden dürfen? Vor welches Gericht wollen sie eigentlich die irakischen Kriegsverbrecher stellen?

Man kann sich nicht nur die Rosinen herauspicken. Rechtsstaat, Freiheit, Demokratie, all diese Dinge, für die George W. Bush angeblich kämpft, gibt es nur mit ein paar unangenehmen Nebenwirkungen. Jeder Ankläger kann selber angeklagt werden, wenn er das Recht bricht. Der Rechtsstaat läßt auch Schuldige mangels Beweisen davonkommen, in der Demokratie dürfen auch unangenehme Meinungen verbreitet werden...oder meint die amerikanische Regierung etwas anderes, wenn sie die Worte „Freiheit“ und „Demokratie“ verwendet? Haben sie womöglich ihre eigene Definition?

Der Irakkrieg wird auch um die Hirne vieler Millionen Menschen geführt, die so oder so ähnlich denken. Die USA müssen zumindest einen Teil der Zweifler überzeugen, die zur Zeit in den meisten Ländern der Erde eine Mehrheit bilden – überzeugen vom Sinn ihres Krieges und von der Lauterkeit ihrer Motive. Kann ein Land die Welt dominieren, kraft seiner Macht, gegen eine klare Mehrheit der Weltmeinung? Ja, das kann es, aber nicht auf demokratische Weise. Wie wollen die Amerikaner in der Welt für Demokratie kämpfen, wenn die Welt gegen sie ist, und wenn sie in vielen Ländern vor freien Wahlen Angst haben müssten?

Es ist auch ein Krieg um Glaubwürdigkeit. In diesem Krieg haben die USA am Wochenende eine wichtige Schlacht verloren.

An diesem Wochenende sah die Welt in die Augen amerikanischer Kriegsgefangener, einige davon verwundet, alle sichtbar in Todesangst. Die Bilder waren hart, sie dürften laut Genfer Konvention nicht gezeigt werden. Und man sah Leichen, übereinander geworfen wie Müll. Todesangst und Tod: Zum ersten Mal konnte man so ungeschminkt das Gesicht des Krieges sehen. Donald Rumsfeld, der Verteidigungsminister, sagte dazu: „Wir stellen Kriegsgefangene nicht auf diese Weise zur Schau.“ Marietta Slomka vom „heute journal“ schaltete um, innerhalb von nur einer Sekunde war der Minister einer Lüge überführt. Bilder vom Vortag. Irakische Gefangene, zur Schau gestellt.

Die Bilder unterscheiden sich allerdings. Sie sind unterschiedlich inszeniert, weil sie unterschiedlichen Interessen gehorchen. Die Amerikaner zeigen die Iraker am Boden, hinter Stacheldraht. Oder in Kolonnen, mit hinter dem Kopf verschränkten Armen. Die Gefangenen spielen nicht als Einzelperson eine Rolle, sondern als Ensemble. Das Bild soll sagen: Geschlagene Truppe, völlig machtlos, ohnmächtig. Bewacht von nur zwei oder drei Amerikanern. Die Botschaft der Amerikaner heißt: Ihr habt keine Chance. Je mehr im Staub sitzende Iraker auf dem Bild zu sehen sind, desto besser ist es für diese Botschaft.

Saddam und seine Leute haben bisher nur eine Handvoll Gefangene, vor allem aber haben sie eine andere Botschaft. Ihr Bild soll sagen: Ihr Amerikaner müsst Angst haben. Ihr seid verwundbar. Um Angst zu zeigen, braucht er die Großaufnahme. Je größer das Gesicht im Bild ist, desto besser. Auch der Schwenk zu den Händen eines Gefangenen war nicht zufällig. Er sollte zeigen, dass er nicht gefesselt war.

Im Moment hat Saddam, der so oft gelogen und gemordet hat, ein großes taktisches Interesse daran, eine ganz bestimmte Wahrheit zu zeigen – die Wahrheit des Krieges, die aus Tod und Angst besteht. Selbstverständlich zeigt er nur den Tod seiner Feinde. Die US-Regierung dagegen versucht zu verhindern, dass die Gefangenenfilme in den USA gezeigt werden. Bizarr: Ein demokratisches Land versucht, ein Bilderverbot durchzusetzen. Es geht ihr um die Menschenwürde, sagt die Regierung. Was war mit der Menschenwürde der Taliban, die man gefesselt und knieend gesehen hat, mit einem Sack überm Kopf? Sind Menschenrechte etwas, das nicht oder nur eingeschränkt für Verbrecher und Feinde gilt? Dann gäbe es schon wieder ein Wort, dass sowohl von George W. Bush als auch von seinen Kritikern verwendet wird, das aber bei beiden eine verschiedene Bedeutung hat.

Die Gefangenenbilder. Die Stadt Umm Kasr, angeblich längst erobert, in Wirklichkeit noch umkämpft. Die angeblich „sauberen“ und „intelligenten“ Präzisionswaffen, die ein Flugzeug der eigenen Verbündeten abschießen. Die eigenen Toten und Gefangenen, deren Existenz erst dann zugegeben wird, wenn es nicht mehr anders geht. Die Glaubwürdigkeit der Amerikaner hat gelitten, weil sie sich schwer damit tun, sich von ihrem vorbereiteten Drehbuch zu trennen – ein leichter, schneller Krieg, kaum Verluste, kaum Tod, ein irakisches Volk, das die fremden Truppen als Befreier begrüßt, überall verbotene Massenvernichtungswaffen.... das alles stimmt nicht oder nur zum Teil. Aber die Amerikaner versuchen aller Kraft, eine von der Wirklichkeit längst überholte Inszenierung auf dem Spielplan zu halten.

Der Kampf eines tapferen Underdogs gegen einen übermächtigen, arroganten Gegner – diese Geschichte ist so alt wie die Menschheit, sie kommt in allen Mythen vor, sie sitzt uns in den Genen. Je hartnäckiger die Iraker sich gegen ihre angeblichen Befreier wehren, desto mehr gleicht der Krieg dieser Geschichte, den Underdogs wachsen automatisch Sympathien zu. Die Welt vergisst womöglich, wer Saddam Hussein ist. Um das zu verhindern, müssten die Amerikaner damit beginnen, sich ein wenig kleiner zu machen. Sie müssten Fehler zugeben. Sie müssten die Wahrheit sagen, auch wenn sie noch so unangenehm ist. Sie müssten nicht nur stark sein, sondern auch glaubwürdig.

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