Zeitung Heute : Was die Wähler wissen müssen

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Anders als andere Berufstätige stehen Politiker ständig im Licht der Öffentlichkeit. Und sie erkranken auch vor aller Augen. Was aber bei allen anderen nur menschlich ist, kann hier zu einem großen Imageverlust führen, denn wer trennt schon körperliche und geistige Leistungskraft?

Tatsächlich gibt es kein Gesetz, dass Politiker verpflichtet, die Natur ihrer Erkrankung öffentlich zu machen. Auch die Krankheiten von Mandatsträgern fallen unter die ärztliche Schweigepflicht. Und doch: erklärt man sich nicht, so tut sich ein schwarzer Raum für Spekulationen auf, die schlimmer sind, als alles, was man überhaupt wahrheitsgemäß sagen könnte, „Sie werden mit solchen Annahmen konfrontiert, dass Sie zur Korrektur gezwungen sind,“ sagt der frühere Gesundheitsminister Horst Seehofer. Er weiß, wie weit diese Kultur des Misstrauens geht: „Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Spiegel-Journalisten zu Hause in meiner Wohnung. Wir haben uns zwei Stunden über meine Krankheit unterhalten. Und zum Schluss, da war es wieder da, dieses Misstrauen: die glauben dir das ja nicht. Er sagte: Ich möchte ihren Arzt sprechen.“ Die Furcht des Journalisten: Macht man uns einen gesunden Seehofer vor, der kurz nach der Wahl wieder zusammenklappt? Seehofer nahm das Telefon und rief seinen Arzt an. Der kam vorbei und erklärte seinerseits dem Reporter den Stand der Dinge.

Wie viel Öffentlichkeit einer aushalten kann, ist Frage des Charakters. Regine Hildebrandt hat diese Abhängigkeit geschickt umgedreht: Sie benutzte die Neugier der Öffentlichkeit, um Sterbehilfe zu einem öffentlichen Thema zu machen. Misstrauen schlug ihr keines mehr entgegen, stattdessen erfuhr sie Bewunderung für ihre Stärke.

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