Zeitung Heute : Was ein Strich so alles kann

Der Kurs „Visu L“ an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft gibt Starthilfe für künstlerische Studiengänge

Barbara-Ann Rieck

Sebastian Langer möchte Grafikdesigner werden. Zur Zeit studiert er Biotechnologie, aber „das entspricht nicht meinen Neigungen“, sagt er. Der 24-Jährige hatte sich bereits im Vorjahr an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) für den Studiengang Kommunikationsdesign beworden und ist gleich an der ersten Hürde gescheitert: seine Bewerbungsmappe wurde abgelehnt.

Mia Ewald geht es ähnlich. Sie wurde immerhin zum Auswahlverfahren eingeladen, schaffte aber dann die Prüfung nicht. Beide wollten sich nicht entmutigen lassen und entschlossen sich, an dem FHTW-Aufbaukurs „Visu L“ teilzunehmen. „Visu L“ will gezielt auf künstlerisch gestaltende Studiengänge vorbereiten und potentiellen Studierenden das notwendige kreative Handwerkszeug vermitteln, um die eigenen Ideen überzeugend zu visualisieren.

„Die Aufnahmebedingungen sind sehr schwer“, erläutert Katrin Hinz, Professorin für Kommunikationsdesign an der FHTW und „geistige Mutter“ von „Visu L“. An der FHTW werden von 500 Bewerbern 60 bis 70 zum Auswahlverfahren eingeladen, nur 40 davon dürfen studieren. Auch bundesweit kommen im Bereich Kommunikationsdesign auf einen Studienplatz etwa zehn Bewerber. Darüber hinaus deckt die oft verkopfte Ausbildung in den schulischen Leistungskursen Kunst die Prüfungsanforderungen nicht ab. So entstand die Idee, einen eigenen Vorbereitungskurs anzubieten, der Defizite ausgleicht und für Bewerber und Beurteiler eine transparentere Ausgangsbasis schafft.

Der Aufbaukurs „Visu L“ schult die Teilnehmer in fünf zentralen Bereichen: Zeichnen und Formenlehre, Farbe und Komposition, Typografie, Multimedia und Fotografie. Da die meisten Kommunikationsdesigner später Auftragsarbeiten ausführen werden – Werbung, Mode- oder Mediendesign sind mögliche Arbeitsbereiche – konzentriert sich der Unterricht auf folgende Fragen: Welche Inhalte will ich vermitteln? Welche Technik und welche Form bringen das am Überzeugendsten zum Ausdruck?

Am Anfang allerdings steht die Auseinandersetzung mit ganz elementaren Gestaltungsmöglichkeiten. Jens Steinberg etwa, Dozent für Kommunikationsdesign und freier Maler, lässt die Kursmitglieder zunächst einfach nur mit Kohle zeichnen. Er möchte den Schülern bewusst machen, was ein Kohlestrich alles ausdrücken kann. Und wie sich seine Wirkung verändert, wenn Farbe als Gestaltungsmittel hinzukommt.

Jörg Stolpmann, freier Fotograf und als Dozent von „Visu L“ für den Bereich Fotografie zuständig, bringt seinen Studenten im Rahmen eines vorgegebenen Themas als erstes die technischen Grundlagen bei. Die 16 Teilnehmer lernen im Negativlabor, einen Schwarz-Weiß-Film zu entwickeln. Dann belichten sie den Film und während die Kontaktabzüge im Fixierbad langsam Konturen annehmen, geht ihnen die Aufgabenstellung noch einmal durch den Kopf: „Analysieren und visualisieren Sie mit fotografischen Mitteln einen Ort, zu dem Sie einen starken persönlichen Bezug haben. Gleichen Sie Ihre individuelle Wahrnehmung mit der tatsächlichen Bildwirkung ab. Fotografie ist Wertung und Interpretation.“ Ganz wichtig: Das Ergebnis wird in Kleingruppen diskutiert. Das gibt Sicherheit, macht frei und mutig. „Die Teilnehmer sollen lernen, ihre eigenen Vorstellungen klar und eindeutig zu benennen.“ Das sagen beide Dozenten. Für Mia, die den Berliner Coffeeshop in dem sie seit ihrem Abitur arbeitet, ausgewählt hat, ist das ganz wichig. „Ich befand mich in einer Stagnationsphase, ich brauchte dringend neue Impulse.“

Sebastian hat als Ort seinen alten Boltzplatz wählt. Da hat er als Kind immer Fussball gespielt, heute empfindet er den Platz als „grau, trist und trostlos“. In welchen Fotos spiegeln sich diese Empfindungen wieder? An welchen Strukturen und Formen liegt das? Jörg Stolpmann wählt gemeinsam mit Sebastian fünf Motive aus, die er vergrößern soll. „Die größere Form verändert die Wirkung der Bilder. Die Teilnehmer sollen lernen, das mit einzukalkulieren.“

Nicht ganz unwichtig ist auch, dass die „Visu L“-Teilnehmer eine klarere Vorstellung von den Inhalten und Anforderungen des Studienganges Kommunikationsdesign bekommen. Sie lernen ihre eigenen Stärken und Schwächen besser einschätzen. Das Geld für den Vorbereitungskurs müssen die Studierenden selbst aufbringen. Er dauert ein Semester und kostet zwischen 200 und 400 Euro – je nachdem, ob man sich für das Basis-, das Aufbau- oder das Vertiefungsangebot entscheidet. Nächster Bewerbungs- und Mappenberatungs-Termin ist der 11. Oktober (17 Uhr, Raum 220, Warschauer Platz 6-8, 10245 Berlin).

Kontakt: Angelika Marter, Tel: 501 92 828, a.marter @fhtw-berlin.de.

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