Zeitung Heute : „Was es für schöne Früchte in Kamerika giebt“

Was Wilhelmine ihrer Hamburger Freundin Marie um 1884 schrieb: Auswandererbriefe aus Übersee erzählen Alltagsgeschichte

Ursula Lehmkuhl

„Meine liebe Marie!“ – schrieb die mit 18 Jahren von Hamburg nach New York ausgewanderte Wilhelmine Wiebusch 1884 an die daheim gebliebene Freundin. „Donnerwetter hab ich noch ganz vergessen zu erzählen was es hier für schöne Früchte in Kamerika giebt, wir Essen jeden Tag Pfirsiche Melonen und Bananen dann wollte ich Dir auch noch sagen wenn Du alte Schuhe oder Stipfeln hast werfe sie nicht weg sondern binde eine rothe oder blaue Schleife daran und hänge sie an der Wand in deinem Zimmer, na du Vater, aber so was wirst Du sagen, aber das muß Du wißen liebe Marie das ist hier in Amerika Antik.“

Zwischen 1820 und 1914 wanderten allein nach Amerika mehr als fünf Millionen Deutsche aus. Über ihre Erfahrungen, ihre Ängste und Erwartungen berichten Briefe, die sie an daheim gebliebene Freunde und Verwandte schrieben: Wilhelmine Wiebusch fand in New York eine Anstellung als Dienstmädchen und berichtet in ihren Briefen vom Alltag in einer großbürgerlichen jüdischen Familie, vom Leben in New York, von ihren Zukunftsträumen und ihren Gefühlen. So erfahren wir aus einem anderen Schreiben an Marie: „Gestern war meine Freundin Anna hier bei mir, wir beide halten noch immer fest zusammen in Freud und Leid, diesen Somer haben wir beide eine stürmische Zeit mit durchgemacht, wir waren weit von einander entfernt, wir haben uns hir auch schon viele andere Freunde erworben, und fühlen uns grade so zu Hause wie in Hamburg, zuweilen kennen wohl Augenblicke wo wir uns nach unserer Nordischen Heimath zurück sehnen, doch so schnell wie die Gedanken kommen, verschwinden sie auch wieder, denn das Welt-Meer ligt daschwischen.“

Die Geschichtswissenschaft hat sich erst seit den siebziger Jahren für die Gefühle des „kleinen Mannes“ interessiert. Zuvor standen fast ausschließlich die Politik und die „großen Männer“ im Vordergrund. Behördenakten erzählen kaum etwas über das Leben, Denken und Fühlen „einfacher Menschen“. Hierzu benötigt der Historiker andere Quellen wie die Auswandererbriefe, die eine durch nichts zu ersetzende zentrale Quelle für die Sozial-, Mentalitäts- und Sprachgeschichte, aber auch für die Kultur- und Alltagsgeschichte der Aus- und Einwanderung sind. Auswandererbriefe machen heute den umfangreichsten Bestand von Schreiben weniger gebildeter Schichten aus.

In den Achtzigerjahren entstand an der Ruhr-Universität Bochum die weltweit bedeutendste Sammlung von deutschen Auswandererbriefen. Neben einer gut 5000 Texte umfassenden Sammlung gedruckter Briefe enthält die Sammlung rund 7000 unveröffentlichte Briefe, vor allem aus den Jahren 1830 bis 1930, teils im Original, teils in Kopien, zusammen mit umfangreichem biographischen und deskriptiven Material. Diese Sammlung hat allerdings eine Schwäche: Der Bestand an Auswanderer-Briefen aus Ostdeutschland ist sehr gering.

Mit dem Projekt „Amerikabriefe in den Neuen Ländern“ soll diese Lücke geschlossen werden. Unser Projekt am John F. Kennedy-Institut erschließt und wertet die Briefe von ostdeutschen Auswanderern in die USA und nach Kanada im 19. und 20. Jahrhundert aus. Dabei arbeiten wir eng mit dem Initiator der Bochumer Briefesammlung, amerikanischen Kollegen und der Forschungsbibliothek Gotha zusammen, die die Bochumer Auswandererbrief-Sammlung beherbergt und pflegt. Ziel ist es, die exquisite Bochumer Briefesammlung durch Dokumente aus den Neuen Ländern zu ergänzen und sie damit zu einer gesamtdeutschen Auswandererbrief-Sammlung zu entwickeln.

Die Probleme und die Formen der Auswanderung waren in Deutschland nicht nur regional verschieden, sondern auch zwischen den westdeutschen und den ostelbischen Territorien. Damit ist aber nur eine von vielen Forschungsperspektiven angesprochen. Die teilungsbedingte Forschungslücke ist am ausgeprägtesten im Bereich alltags- und mentalitätshistorischer Fragestellungen, besteht aber auch bei Untersuchungen zur Sprachentwicklung.

Bei der Sammlung von Auswandererbriefen aus den Neuen Ländern geht es um die Rettung wertvollen Kulturguts, denn die Briefe in Privatbesitz werden mit jedem Jahr weniger, vor allem bei Briefen aus dem 19. Jahrhundert. Es ist also Eile geboten, um dieses für zukünftige Forschung im Bereich der „transnationalen Geschichte“ wichtige Quellengut zu retten. Zunächst müssen die Briefe transkribiert und die Biografien der Schreiber rekonstruiert werden. Dies ist heute mit Hilfe der elektronischen Medien sehr viel einfacher als es noch in den 1980er Jahren zu Beginn der Sammlung der Auswandererbriefe war. Während die Bochumer Briefe noch mit der Schreibmaschine transkribiert und per Hand katalogisiert worden sind, werden die Briefe aus den Neuen Ländern digitalisiert und als Volltext erfasst. Zusätzlich werden sie nach bibliothekarischen Regeln katalogisiert und in einem Verbundprojekt, an dem sich auch die Library of Congress beteiligt, digital archiviert. Die Digitalisierung erleichtert den Zugriff auf das Quellenmaterial auch für Wissenschaftler im Ausland.

Von der Briefesammlung profitieren auch Schulen und politische Bildung. So werden Auswandererbriefe als Lehrmaterial in Schule und Erwachsenenbildung sehr häufig verwendet, weil sie einen hohen didaktischen und gesellschaftspolitischen Wert besitzen. Demonstrieren sie doch eindringlich und unmittelbar, dass auch Deutsche einmal Einwanderer waren, ihre Sprachschwierigkeiten hatten, nicht selten diskriminiert wurden und es gelegentlich auch zu Auseinandersetzungen mit den Einheimischen kam.

Die Historikerin Ursula Lehmkuhl leitet das Brief-Projekt am John F.-Kennedy-Institut.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben