Zeitung Heute : Was Frauen wollen

Auf dem Weg zum individuellen Handy

Stefanie Terp

Auf dem Ernst-Reuter-Platz kreiseln die Fahrzeuge wie Spielzeugautos. Hoch oben in der modernen Sky-Bar im 20. Stock des TU-Hochhauses laufen die Weltnachrichten über den Bildschirm. Wenige Etagen tiefer befindet sich der Arbeitsplatz von Gesche Joost. Seit drei Jahren genießt die gebürtige Kielerin nicht nur den Ausblick auf die Hauptstadt, sondern auch ihr kreatives Umfeld. Bei den Deutsche Telekom Laboratories, der Innovationsschmiede der Deutschen Telekom und der TU Berlin, leitet die 33-Jährige das Design Research Lab. An der TU Berlin beschäftigt sich die Juniorprofessorin mit interaktivem Design.

Designforschung ist die Klammer für beide Aktivitäten. Die in Deutschland recht neue Disziplin hat sich Gesche Joost in Braunschweig, Köln und Tübingen, in Chicago, Kyoto und Hongkong erschlossen. „Ich werbe für ein neues Verständnis von Design. Mir geht es nicht um die pure Gestaltung von Äußerlichkeiten. Ich will das Wesen von Design ergründen und dabei die Sprache der Gegenstände besser verstehen lernen“, erklärt sie und skizziert eines ihrer Ziele: „Technische Produkte sollen künftig für unterschiedliche Nutzer individuell bedienbar sein.“

So beschäftigt sich das Design Research Lab mit dem Frauen-Handy der Zukunft. „Dabei liegt unser Augenmerk nicht darauf, ob es pink oder lila gestaltet werden soll. Im Vordergrund stehen für uns vielmehr soziale Aspekte wie Sicherheit, Privatsphäre, Gesundheit oder Ökologie“, erläutert Joost. An welchen Orten telefonieren Frauen am häufigsten? Mit wem kommunizieren sie und auf welche Weise? Wie nutzen sie die Mailbox, oder was fotografieren sie? Das sind einige der Fragen, die Joost umtreiben. „Wir werden nicht einen großen radikalen Schritt gehen und das ultimative Frauen-Handy entwickeln“, sagt sie. „Wir arbeiten an den Details und wollen ein Handy gestalten, dass offen für alle ist.“

Was wollen Frauen? Gesche Joost zählt auf: „Beispielsweise sehr oft mit der Familie telefonieren. Muss der Sohn zum Training gefahren werden? Ist die Tochter noch in der Schule? Kauft der Mann für das Abendessen ein? Frauen leihen ihr Handy oft aus und wer hat es dann gern, dass die privaten SMS gelesen werden?“

Aus diesen Bedürfnissen und Gewohnheiten erstellen sie und ihre Kollegen eine neue Informationsstruktur fürs Mobiltelefon. Am Ende wird ein Prototyp stehen, der nicht das technisch Machbare in den Vordergrund stellt, sondern bedürfnisgeleitet gestaltet ist und eine intuitive Bedienung erlaubt.

Die Frauen, die als Testpersonen an der Entwicklung beteiligt sind, kommen alle aus Berlin. „Wir können hier auf unterschiedliche Biografien und Lebenskonzepte zugreifen. Für uns als Grenzgänger zwischen Technik und Kultur ist das ein unerschöpfliches Reservoir“, sagt sie.

Berlin ist auch der Schauplatz ihres wissenschaftlichen Interesses als Juniorprofessorin für interaktives Design und Medien. Dafür wurde sie zum Wintersemester an die TU Berlin berufen. „Ich werde mich mit der Frage auseinandersetzen, welche Rolle das Design als Schnittstelle zwischen öffentlichen Räumen und der Informations- und Kommunikationstechnologie spielt“, erläutert sie.

Joost sucht nach den Mustern, mit denen jeder die Stadt – einen Raum – nach seinen Bedürfnissen nutzt. Wie verändert sich die Stadtwahrnehmung durch moderne Technik? Welchen Einfluss haben etwa virtuelle Stadtpläne, in denen man Lieblingsclubs und -läden markieren kann? Solche Fragen wird sie künftig mit ihren Studenten diskutieren. In einem anderen Kreis tut sie es schon jetzt: Nachdem sie bei der Initiative „Deutschland - Land der Ideen“ zu den „100 Köpfen von morgen“ gewählt wurde, sitzt sie im persönlichen Beraterkreis von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, neben Fußmallmanager Uli Hoeneß, Schriftsteller Bernhard Schlink und Unternehmer Hasso Plattner. Stefanie Terp

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