Zeitung Heute : Was für die Ohren

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Warum man auch mal auf Antibiotika verzichten kann

Hartmut Wewetzer

Wenn Kinder Ohrenschmerzen haben, dann steckt meistens eine Otitis media dahinter, eine Mittelohrentzündung. Denn Kinder sind anfälliger für Infektionen. Und die ziemlich kurze Entfernung zwischen Nasen-Rachen-Raum und Mittelohr sowie die vergrößerten und häufig verkeimten Rachenmandeln begünstigen die Ausbreitung der Mikroben.

Also, was tun bei einer Mittelohrentzündung? Viele Eltern befürchten, dass der Arzt ihren Sprösslingen Antibiotika gegen die Mittelohrentzündung verschreibt. Neue Studien aber zeigen, dass es oft auch ohne „Chemie“ geht. Denn in den meisten Fällen wird der Körper selbst mit den Erregern fertig. Das zeigt auch eine Untersuchung, die nun im Fachblatt „Pediatrics“ veröffentlicht wurde.

David McCormick von der Universität von Texas in Galveston verglich zwei verschiedene Behandlungsstrategien. Er verordnete Kindern mit einer Mittelohrentzündung entweder das gegen Bakterien gerichtete Antibiotikum Amoxicillin oder aber lediglich Schmerzmedikamente. Ausnahme: Kinder mit schwerer Otitis media, die sofort Amoxicillin bekamen.

Die Eltern wurden angewiesen, darauf zu achten, ob sich das Befinden ihres Kindes auch ohne Antibiotikum verbesserte. Wenn nicht, sollten sie erneut zum Arzt kommen. Spätestens dann wurde doch das Mittel gegen die Bakterien verschrieben.

Ergebnis der Untersuchung: in zwei von drei Fällen kamen die Kinder ohne Amoxicillin aus. Nach einem Monat war die Krankheit in beiden Gruppen bei drei von vier Kindern ausgeheilt.

Kinder mit Antibiotikum wurden ihre Beschwerden schneller los und brauchten weniger Schmerzmittel, hatten jedoch auch gelegentlich unter Nebenwirkungen der Medikamente wie Durchfall zu leiden. Zudem waren sie eher von Bakterien besiedelt, die widerstandsfähig gegen Antibiotika waren. Auch die Rückfallgefahr war nicht geringer. Die Zufriedenheit mit der Behandlung bei den Eltern unterschied sich in beiden Gruppen jedoch nicht.

„In Deutschland setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass man eine Mittelohrentzündung auch ohne Antibiotika kurieren kann“, sagt Benedikt Sedlmaier, Oberarzt der Hals-Nasen-Ohren-Abteilung am Klinikum Benjamin Franklin des Berliner Universitätskrankenhauses Charité. „Wir sind da sogar schon weiter als unsere Kollegen in den USA.“

Allerdings gibt es einige wichtige Einschränkungen. Bei einer schweren Mittelohrentzündung, etwa mit Vereiterung, starken Schmerzen oder hohem Fieber, muss sofort ein Antibiotikum gegeben werden. In weniger bedenklichen Fällen kann gewartet werden – aber nur, wenn das Kinder älter als zwei Jahre ist. „Nach zwei Tagen empfiehlt es sich, den Arzt erneut nachsehen zu lassen“, sagt Sedlmaier. Und natürlich in all jenen Fällen, in denen sich die Beschwerden nicht bessern oder gar schlimmer werden. Denn dann kann es gefährlich sein, kein Antibiotikum zu nehmen.

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