Zeitung Heute : „Was für ein schöner Sonntag“

Joachim Gauck zumelften Bundespräsidenten Deutschlands gewählt Der 72-Jährigesieht die Stärkung derDemokratie als Aufgabe Präsident will Kritiker seines Freiheitsbegriffsvon sich überzeugen Kanzlerin Merkel:Die Ostdeutschensind angekommen.

Neuer Bundespräsident, neue First Lady. Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt am Wahltag. Die offizielle Vereidigung des elften Staatsoberhaupts der Bundesrepublik findet am Freitag statt. Foto: Johannes Eisele/AFP
Neuer Bundespräsident, neue First Lady. Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt am Wahltag. Die offizielle...Foto: AFP

Berlin - Der Theologe und Bürgerrechtler Joachim Gauck ist am Sonntag zum 11. Bundespräsidenten der Bundesrepublik gewählt worden. In einer Dankansprache kündigte der 72-Jährige im Bundestag an, er wolle sich vor allem um die Stärkung der Demokratie bemühen. Sein Anliegen sei die „Annäherung der Regierenden an die Bevölkerung“, sagte Gauck, mahnte jedoch zugleich vor zu hohen Erwartungen an ihn. Die werde er „ganz sicher nicht alle erfüllen können“. Gauck erinnerte an die ersten freien Wahlen in der DDR am 18. März 1990. „Nie werde ich diese Wahl vergessen, niemals“, sagte Gauck und fügte auch im Rückblick auf dieses Datum hinzu: „Was für ein schöner Sonntag.“

Nach dem Rücktritt des ehemaligen Präsidenten Christian Wulff Mitte Februar war Gauck von einer parteiübergreifenden Allianz aus Union, SPD, FDP und Grünen zum Kandidaten für das höchste Staatsamt ernannt worden. Von der Bundesversammlung, der 1240 Mitglieder aus dem Bundestag und den Ländern angehören, wurde Gauck am Sonntag im ersten Wahlgang gewählt. Gauck konnte 991 von 1228 gültigen Stimmen auf sich vereinigen. 126 Delegierte stimmten für Gaucks Herausforderin Beate Klarsfeld, die von der Linkspartei nominiert wurde. Der Kandidat der rechtsextremen NPD, der revisionistische Historiker Olaf Rose, bekam drei Stimmen. 108 Wahlleute enthielten sich. Als Bundespräsident wird Gauck am Freitag im Bundestag vereidigt. Seine erste Auslandsreise im Amt soll Polen gelten: „Wenn es nach meinem Herzen geht, dann wird es nach Polen gehen“, sagte er dem Sender n-tv.

Nach der Wahl ging der neue Bundespräsident vor Journalisten auf seine Kritiker zu. Der Zuspruch sei für ihn „Ansporn, etwas mehr zu tun in Richtung derer, die zum Beispiel meinen Freiheitsbegriff für nicht ausreichend halten“. Der Präsident zeigte sich davon überzeugt, dass er „sehr schnell“ seine Kritiker werde überzeugen können. Sein eigenes Verständnis von Verantwortung liege „in der Nähe derer, die etwa den Sozialstaat bauen oder sich für Integration einsetzen“, meinte er. Gauck war in den vergangenen Wochen unterstellt worden, dass er sich zu wenig um soziale Gerechtigkeit und die Anliegen von Migranten kümmere.

Nach der Wahl sagte Kanzlerin Angela Merkel (CDU), sie erhoffe sich von dem neu gewählten Bundespräsidenten Denkanstöße im politischen Alltag. Sie freue sich darauf, von Gauck „Anregungen zu bekommen“, sagte Merkel, die Gauck zunächst nicht als Kandidaten präferiert hatte. Konflikte mit dem neuen Präsidenten erwarte sie nicht, sagte Merkel, auch wenn sich in manchen Fragen sicherlich Meinungsunterschiede zeigen würden. Diese wolle sie im Dialog mit Gauck besprechen: „Es geht hier nicht um Erziehungsmethoden, sondern um Meinungsäußerungen.“ Merkel wertete es als Signal, dass nun nach der Kanzlerin auch der Bundespräsident aus der ehemaligen DDR stamme. Dies zeige: „Die Ostdeutschen sind angekommen, trotzdem bleibt bei der deutschen Einheit noch einiges zu tun.“ Die Kanzlerin begrüßte es, dass Gauck mit einer parteiübergreifenden Mehrheit gewählt wurde. „Selten hat ein Bundespräsident eine solche Zustimmung bekommen“, sagte sie.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider sagte, Gauck übernehme das Amt „in einer nicht einfachen Zeit“. Er werde das Amt hoffentlich in „ruhige Fahrwasser“ geleiten. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, bescheinigte dem neuen Staatsoberhaupt „hohe Glaubwürdigkeit im Eintreten für Freiheit und bürgerliche Verantwortung“. Dies und Gaucks breite Akzeptanz in der Bevölkerung seien „hervorragende Voraussetzungen für die Übernahme des Amtes.

Autor

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben