Zeitung Heute : Was für ein Wahlkrampf!

Von Martin Kilian

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Schließen Sie die Augen und gönnen Sie sich eine Ihrer schönsten Jugenderinnerungen – an jenen herrlichen Tag, als der Bundeskanzler zu Besuch ins Dorf kam (Berliner sind ja selten in Berlin geboren). Eine Erinnerung, die Sie stets robust unterdrückt haben, weil sie sich nur schlecht mit Ihrem Selbstbild als urbanem Ästheten verträgt.

Aber nun, da die Schleusen geöffnet sind, kommt es Ihnen mit einem Mal: der Kanzler, der Dorfplatz, die Kapelle, das Blumengebinde, der Bürgermeister im edlen Polyester – und der Dorfpolizist, ein netter Mann Mitte 50, beauftragt, den hohen Gast zu bewachen. Gefahren gab es keine; wer wollte dem Herrn Bundeskanzler schon ans Leder? Also watete der Besucher volkstümlich in die Menge, drückte das ihm dargebotene Fleisch und zelebrierte Demokratie zum Anfassen (Hartz VI gab es noch nicht).

Und nun kontrastieren wir das mit dem amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf, dessen Protagonisten – der Titelverteidiger und sein Herausforderer – auf Wahlkampfreisen bewacht werden, als seien sie die letzten Exemplare einer aussterbenden Art. Nach der Ermordung John F. Kennedys und dem Anschlag auf Ronald Reagan werden amerikanische Präsidenten und Präsidentschaftskandidaten in einer strikten Sicherheitsblase aufbewahrt. Weshalb sie besonders bei Wahlkampfreisen, wenn es gilt, Volksnähe zu mimen, ihre Gastgeber draußen im Land regelrecht ruinieren. Städte und Gemeinden in heftig umkämpften Bundesstaaten, wo die Kandidaten des öfteren einfallen, müssen ihr gesamtes Polizeipersonal aufbieten und den ganzen Aufwand selbst bezahlen.

Es werden sämtliche Brücken zwischen Flughafen und Dorfplatz gesperrt, damit ja kein Wahnsinniger von oben anlegen kann. Wenn sich der Dorfplatz irgendwo mitten in Los Angeles befindet und der Berufsverkehr tobt, werden trotzdem alle Brücken gesperrt. Sodann rauschen an den wütenden Gaffern die Autokolonnen der Präsidentschaftsbewerber vorbei, pechschwarze Sport-Utility-Autos mit staunenswerten Antennenwäldern auf den Dächern. In einem sitzt der Kandidat, im nächsten seine Bewacher vom „Secret Service“. Dahinter rollt das Waffenlager mit einer Menge großkalibriger Hardware, womit der Kandidat im Notfall verteidigt werden kann.

Der Dorfplatz ist unterdessen hermetisch abgeriegelt worden, und bei George W. Bush wird zur Polit-Veranstaltung nur zugelassen, wer sich zuvor verpflichtet, laut zu jubeln. Randalierer oder Andersdenkende, die etwa den Krieg im Irak nicht goutierten, müssen leider draußen bleiben – eine bemerkenswerte Verengung des Publikums! Schließlich durften in Ihrer Jugend – Sie erinnern sich? – beim Besuch des Bundeskanzlers selbst die zwei Sozis aus dem benachbarten Weiler unter den wachsamen Augen des Dorfpolizisten die Hand des Bundeskanzlers schütteln.

Nun allerdings könnte die Bewachung des Kandidaten John Kerry womöglich bald eingestellt werden. Denn die Schlammwerfer des Präsidenten haben eine wüste Kampagne angezettelt, um den Demokraten zu verunglimpfen. Er habe seine Heldentaten im Vietnamkrieg erfunden, wird gedröhnt. Außerdem nennen sie ihn „Monsieur Kerry“. Weil er so „französisch“ wirke. „Wenn das Weiße Haus mit Kerry fertig ist, wird niemand mehr wissen, auf welcher Seite er im Vietnamkrieg gekämpft hat“, wurde bereits Ende 2003 ein hochrangiger Republikaner zitiert.

Auf welcher Seite? Natürlich hat Kerry in Vietnam auf der falschen Seite gekämpft! Für die französischen Kolonialisierer und gegen Vietnam und Onkel Ho! Und wahrscheinlich war er für die französische Niederlage 1954 in Dien Bien Phu verantwortlich. Wenn dieser Tatbestand dank der republikanischen Agitprop-Maschine endlich ins amerikanische Bewusstsein eingesickert ist, kann Kerry einpacken. Der Wahlkampf ist vorbei, der Dorfplatz wird zusammengerollt, das Blumengebinde auf den Kompost geworfen, und der Dorfpolizist geht nach Hause. Ist sowieso ein Anachronismus, das Ganze.

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