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Von „Zen“ bis „Zorro“: Das Berliner Schuhlabel Trippen verbindet solide Handwerkskunst mit gehobenem Design und ist damit auch in Japan erfolgreich

Katrin Wittneven

„Trippen verwirklicht Schuhe, die durch das Raster des Massenmarktes fallen, oder durch handwerkliche Einzelanfertigung unbezahlbar würden. Trippen versteht sich als Prozess der Annäherung an den sauberen, langlebigen und schönen Schuh.“ Mit diesen Sätzen beginnt die Internetpräsenz des Berliner Schuhlabels Trippen. Schon hier wird unmissverständlich klar, dass es um weit mehr geht als darum, nicht barfuß laufen zu müssen. Simpel gesprochen: Trippen sind Lieblingsschuhe. Vielleicht nicht für jeden, aber die schrägen Holzschuhe mit der asymmetrischen Silhouette, die weichen, runden geschlossenen Schuhe und Stiefel aus Büffel- oder Elchleder oder die farbigen ergonomisch geformten Cups mit der geteilten Gummisohle haben weltweit einen eingeschworenen Fankreis. Überzeugte Puristen gehören dazu und viele Leute aus dem Kunstbetrieb, aber auch unzählige Mütter, denen die bequemen Schuhe helfen, die modische Balance zwischen Kinderladen, Job und Spielplatz zu halten.

Auf solche Charakterisierungen ihrer Käuferkreise wollen sich die Firmengründer, der Schuhmachermeister Michael Oehler (42) und die Designerin Angela Spieth (37), ungern einlassen. Schuhe für Individualisten? Ja, mit der Behauptung können sie leben. Über alles andere kann man nur mutmaßen. Warum etwa die Schuhe im Norden Deutschlands eher gekauft werden als im Süden, oder warum die Nachfrage in Asien so groß ist – vier eigene Trippen-Läden gibt es zurzeit in den japanischen Metropolen. Dazu kommen mehr als 600 Design- und Schuhläden, die das exklusive Berliner Exportgut vertreiben. Rund 100 000 Paar Schuhe produziert das Unternehmen jährlich.

Angefangen hat die Erfolgsgeschichte von Trippen vor über zehn Jahren mit dem einfachsten Material: mit Holz. In einer Berliner Galerie zeigten der seinerzeit selbstständige Maßschuhmacher Oehler, der vorher Spezialanfertigungen für Film- und Theaterproduktionen herstellte, und die für eine große Schuhfirma international arbeitende Designerin Spieth ihre ersten sechzig Modelle: experimentelle Schuhe, für die Leistenformen aus den Siebzigern als Basis dienten. Die Ergebnisse – teils tragbar, teils mehr Skulptur als Fortbewegungsmittel – kosteten noch 500 bis 600 Mark und begeisterten vor allem Designer wie Wolfgang Joop und Claudia Skoda, die sie für ihre Modenschauen orderten, später kamen Modeschöpfer wie Perry Ellis oder Yohji Yamamoto dazu. Auch einige Fernsehproduktionen und Theaterinszenierungen wurden mit Trippen bestückt.

Doch zum Anspruch des Designerduos gehört bis heute das Ziel, in Handarbeit gefertigte, hochwertige Schuhe zu produzieren, die erschwinglich sein sollten. Ein Familienbetrieb in Pirmasens sollte bei der ersten seriellen Produktion der Kollektion helfen. Doch nachdem ein Familienkrach den Arbeitsbetrieb ruhen ließ, musste Oehler schließlich wieder selbst Hand anlegen und schaffte es mit einigen Freunden und höchst möglichem Arbeitseinsatz, die erste Kollektion doch noch auf die Beine zu stellen. Auch danach folgende Versuche in Italien zu produzieren, erwiesen sich komplizierter als erwartet. Dennoch wollten sich die beiden Designer das Konzept und die Produktion nicht aus der Hand nehmen lassen, selbst als bei dem ersten Auftritt auf der Schuhmesse GDS 1994 in Düsseldorf lukrative Angebote internationaler Schuhhersteller kamen. Statt dessen gründeten sie eine GmbH und eröffneten 1995 den ersten Trippen-Showroom und -Laden in Berlin. Internationale Designpreise bestätigen den eigenständigen Weg – nur zwei Jahre später eröffnen die ersten zwei Läden in Tokio. Und auch für die komplizierte Produktion wurden Lösungen gefunden: Inzwischen gibt es ein ganzes Netzwerk von italienischen Familienbetrieben, von denen die geschlossenen Schuhe gefertigt werden.

Heute unterhält das Designerduo 1200 Quadratmeter Arbeitsfläche in Treptow mit Werkstatt, Büros und Lageräumen. Dazu kommt eine eigene Fabrikation für die Holzkollektion im Brandenburgischen Zehdenick. Rund neunzig Mitarbeiter verteilen sich allein auf diese Standorte und die vier Berliner Läden. In der luftigen Büro- und Lageretage ist die Atmosphäre freundlich, die offenen und nach den farblichen Wünschen der Mitarbeiter eingerichteten Arbeitsplätze erinnern eher an Ateliers. Doch trotz der bunten Sitzbälle in einer Ecke, den herumstehenden Cityrollern und dem schicken roten Bosch-Kühlschrank sieht es hier unmissverständlich nach handwerklicher Arbeit aus. Lederballen und -reste in allen Farben, dicke Garnrollen oder hölzerne Rohlinge finden sich gestapelt in den Ecken der verschiedenen Arbeitsräume – genau die richtige Mischung aus aufgeräumter Struktur und einem Rest von kreativem Chaos. Im Untergeschoss arbeiten Schumacher in der hauseigenen Werkstatt. Oben stapeln sich in einem Lager bis unter die Decke die speziell entworfenen Pappschuhkästen.

Inzwischen gibt es vier verschiedene Linien, wobei immer wieder ungewöhnliche Materialen die Kollektionen bereichern, etwa Fahrrad- oder Motorradschläuche. Die laufende Kollektion zieren bunte Blumen aus Lederresten. Schon Modellnamen wie „Domina“ , „Spoon“, „Zen“ oder „Zorro“ lassen die Breite der kreativen Einflüsse erkennen. Ihr Ziel sei „einfach gutes Produktdesign“ sagt Oehler, der nebenbei als Gastprofessor an der Ulmer Hochschule für Gestaltung lehrt. Dazu gehöre die Arbeit mit heimischen Hölzern, die Langlebigkeit der Schuhe, und dass die Entwürfe nicht jede Saison ausgetauscht werden, sondern in der Kollektion bleiben. Unprätentiös ist dann auch am Ende der Etage die Kollektion für die Wintersaison 2003 / 04 am Boden aufgebaut. Neben dem klassischen Schwarz dominieren warme Brauntöne wie Cognac, Caramel oder Espresso. Kein Wunder – eines der übergeordneten Themen für die kommende Kollektion ist Schokolade. Und so erinnern die teils in mitreißendem Rosa oder Lila gehaltenen Schuhe an zarte Pralinékreationen. Je nach aktuellem Lebensgefühl steht aber auch der in verschiedenen Materialien lieferbare Stiefel „Held“ zur Wahl, der entfernt mit Fechtstiefeln verwandt zu sein scheint oder das femininere Modell „Elfe“, ein geschwungener Kurzstiefel aus Büffelleder.

Flagshipstore in den Hackeschen Höfen (Hof 4 und 6, Rosenthalerstraße 40 / 41, Mitte), Trippen Gallery mit Sonderkollektionen und Neuentwicklungen (Alte Schönhauser Straße 45, Mitte), Trippen Family mit Raritäten und demnächst einer Kinderschuhkollektion (Knaackstraße 26, Prenzlauer Berg) sowie einem Factory Outlet in der Chausseestraße 35 (Mitte). Im Internet: www.trippen.com

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