Zeitung Heute : Was hat das Wasser angerichtet?

Weesenstein wurde durch die Flut berühmt. Das hat dem Dorf Millionen Euro an Spenden gebracht. Doch die Hälfte der Bevölkerung ist weggezogen seitdem, und langsam zeigt sich: gekommen sind Gerüchte und Neid

Norbert Thomma[Weesenstein]

Von Norbert Thomma,

Weesenstein

Der Fotograf. Im Büro von Lutz Hennig, 39, ist es auch bei Sonnenschein düster. Die Fenster von Burg Weesenstein sind klein. Von hier oben hat der Diplom-Museologe am Morgen des 13. August fotografiert. Die Minolta Dynax 7000i liegt in einer schwarzen Tasche neben dem Schreibtisch. Damit ist ihm ein historisches Bild gelungen: die Familie auf der Mauer. Es hat sich eingeprägt wie der Kniefall von Willy Brandt in Warschau. Wie das nackte vietnamesische Mädchen, das vor dem brennenden Napalm wegrennt.

Die ganze Nacht war Hennig durchs weitläufige Schloss gegangen, um nach Schäden zu suchen. Vom Himmel fiel Regen wie aus Kannen. Im ersten Grauen sah er die Jäpels auf ihrem Haus kauern, sah das Dach zerbröseln, sah den Schuppen abgehen, nur noch eine Wand blieb stehen. Er sah den Riss unter dem Fenstersturz, auf dem die Vier hockten, versuchte zu warnen. Erfolglos. Der Krach war infernalisch. „Ich hatte solche Geräusche nie gehört“, sagt Hennig.

Wenn er von damals erzählt, ist die Stimme wie mit Watte belegt. Am runden Besuchertisch des Büros sitzt ein freundlicher, zurückhaltender Mann mit Ponyfrisur. Wie kann jemand fotografieren in dieser Hektik, mit dieser Angst? „Ich hatte den Impuls: den Augenblick festhalten.“ Lutz Hennig macht seit Jahren die fotografische Dokumentation fürs ganze Schloss.

Gegen halb acht kamen endlich Hubschrauber, die Jäpels zu retten. Der Wind der Rotoren, das schlechte Wetter, die brüchige Wand, dem Museologen kam das alles vor „wie in einem Horrorfilm“. Zwischendurch ging er durchs Schloss, die Nerven hielten das nicht aus. Er fotografierte, wann er konnte.

Mit diesen Bildern kann einer reich werden. Allein das Foto mit der Mauer wurde hunderte Male gedruckt, in Zeitungen, Illustrierten, Jahrbüchern, Schulbüchern, Berichten von Firmen und Versicherungen. Hennig sagt: „Ich fände es widerlich, damit Geld zu verdienen – ich habe alles gespendet.“ Man wollte ihm Preise verleihen für dieses eine Foto, er ist nicht hingegangen.

Lutz Hennig hat die Jäpels nicht gekannt und nie kennen gelernt. Einmal sprach er auf den Anrufbeantworter, sie meldeten sich nicht zurück. Er hat die Not der Familie öffentlich gemacht, dafür wollte er sich entschuldigen. „Ich wüsste gerne, dass sie damit klar kommen.“

Der Zufriedene. Irgendwann wird das Wasser wieder daherschießen, in 20 Jahren, in drei Jahren, wer weiß? Als erstes werden die Fluten künftig die „Pension Püschel“ fressen. Vor einem Jahr noch lag das Haus Nr. 8 gut versteckt hinter anderen Gebäuden. Dann kam die Nacht, in der die wild gewordene Müglitz alle Nachbarhäuser unterspülte, zerfetzte oder gleich mit sich riss.

Inzwischen hat Günther Püschel, 56, neben die Pension einen überdachten Grillplatz aus Fichtenholz gestellt. Er sitzt im Schatten und trinkt Bier aus der Flasche. Sein Haus ist frisch gestrichen, ein helles Eierschalen. Der Rasen wächst trotz der langen Hitze. Nur der alte Kirschbaum hat den Schock damals nicht verkraftet, er steht ohne Blätter da.

Püschel hat von hier einen freien Blick auf Schloss Weesenstein. Mehr als 700 Jahre wurde an diesem Bauwerk geschafft, es zeigt Spuren von der Gotik bis zum Klassizismus. Jedes Jahr wollen 90000 Touristen die Burg besichtigen, sie ist fest mit einem hohen Felsen verwachsen und sieht aus, wie Schulkinder Burgen malen. „Beschissenes Gefühl“, sagt Püschel und nickt, „nur noch Geröll und Schotterhaufen.“ Der arbeitslose Maler klopft sich eine HB aus der Packung. Schräg rechts wohnten seit Generationen die Fritsches, Schulstraße Nr.9. In Richtung Schloss versperrte früher das Haus der Jäpels seine Aussicht, Nr.13. Eine Nacht lang saßen vier Mitglieder der Familie auf einer Mauer, Oma, Vater, einer der Söhne und die junge Tochter. Ringsum brodelndes Wasser. Püschel guckt auf die graue Brache und sagt ruhig, „da gewöhn’ ich mich nie dran“.

Dann steht er auf und hält die Hand weit übers schüttere Haar. So hoch stand das Wasser, fünf Zentimeter unter der Decke zum ersten Stock, ein Glück. Der Rahmen der Eingangstür ist aus Sandstein, eingemeißelt die Daten „1702, renov. 1851“. Anfangs habe er „geheult wie ein Schlosshund“, im Haus lag der Schlamm hüfthoch, die ganze Gegend ein Trümmerfeld. Doch bald kamen die ersten Helfer – von überall her. Es kam auch „der Denkmalschutz“ mit Zuschüssen, es kamen Spenden, es kamen Gutachter, die Sächsische Aufbaubank gab Förderung. „Materielle Not ist kein Thema“, sagt Püschel. Er trägt abends noch die fleckige Malerhose und Hosenträger, er hat vieles selbst gerichtet. Die ersten Gäste waren schon da, wenigstens mit der Pension verdient er Geld. Günther Püschel macht ein Bier auf und ist guter Dinge.

Der Träumer. Kommen Sie, kommen Sie, in seiner Wohnstube hat Pfarrer Helmut Berthold, 70, alles hingerichtet, er drückt einem Flugblätter in die Hand und Briefe und eine Dokumentation „Hochwasserkatastrophe im Müglitztal“ – „lesen Sie meinen Bericht ab Seite 56“, später erwartet er das Fernsehen, es gibt so viel zu tun, und wer soll es machen wenn nicht er. 40 Jahre war er hier Seelsorger, er ist im Ruhestand, das ja, aber er kennt sein Weesenstein, dieses Dorf mit zwei Straßen.

Kommen Sie, kommen Sie, er stoppt am Café Kaiserstüb’l, ein kleiner Mann mit schwarzer Baskenmütze und beiger Joppe. Das Café leuchtet in frischem Gelb, vor der Terrasse blühen in gestutztem Rasen Sonnenblumen und Lavendel. „Ein Zeichen der Hoffnung“, ruft der Pfarrer. Von 200 Bewohnern sind keine 100 mehr da, von 40 Häusern sind elf verschwunden. Das Café liegt am unteren Ende der Schulstraße, der Asphalt glänzt, die Gartenzäune stehen perfekt. Ein Goldfischteich ist akkurat mit großen Flusskieseln eingefasst. Hier also sollen in meterhoher Flut Autos vorbeigetrieben sein, Bauwagen, Bäume, Gastanks? Kommen Sie, wir müssen die Straße hoch, hier ist der Kinderspielplatz, Wippe, Karussell, ein Bauzaun drumrum, Betreten verboten, wo sollen denn die Kinder spielen, kein Wunder, dass alle wegziehen.

Nebenan die Müglitz, zwei Meter tiefes Flussbett, zehn Meter breit, das Wasser steht mehr knöchelhoch, als dass es fließt. Acht Kilometer sind es bis Pirna, bis zur Elbe. Oben in den Bergen sollen Rückhaltebecken gebaut werden, „entsprechend HschK-Variante V 3 Abfluß HQ 100/HQ200“, so will es der alte Pfarrer. Der Bürgermeister, die Landestalsperrenverwaltung (LTV), die Staatsregierung, alle verschleppen die Auferstehung des alten Weesenstein, Baugenehmigungen müssen her, kommen Sie!

Pfarrer Berthold steht nun vor der Pension Püschel. Er nimmt die Mütze vom Kopf, diese Wärme. Wo die Häuser der Meyer-Wilks und Jäpels waren, wurden acht Bäumchen gepflanzt, Ebereschen. Bertholds Arm bestreicht karges Geröll, er ruft: „Geisterland!“ Hier lebten die Neutschmanns, die Jahns, die Sobczinskis, Kinder, Großeltern. Das Dorf habe nicht nur sein Gesicht verloren, auch sein Herz, den historischen Ortskern. Sie wollen jetzt hier die Müglitz verbreitern, Schutzmauern errichten, keine Häuser mehr, laut Hochwasserschutzkonzept. Sein altes Weesenstein wäre dann tot, der Pfarrer kann es nicht fassen.

Die Ausstellung. Der Weg hoch zum Schloss führt über grobes Kopfsteinpflaster. Rechter Hand eine hölzerne Anschlagtafel. Da hängen neben der Speisekarte der „Königlichen Schlossküche“ ein zweiseitiger „Hilferuf“ von „H. Berthold, Pfr.i.R., Gemeinderat“ und ein Artikel aus der „Sächsischen Zeitung“.

In den oberen Räumen hat Museologe Hennig eine Ausstellung eingerichtet. 41 blaue Plastikeimer sind auf weißen Holzplatten gestapelt. Besucher sollen ein Gefühl für die Wassermengen bekommen. Die Wetterstation Zinnwald-Georgenfeld hat damals 406 Liter Regen pro Quadratmeter gemessen, in 72Stunden. In einem durchschnittlichen August fallen 78 Liter – im Monat. Eine Grafik zeigt die Wasserstandspegellinie in Dohna, etwas unterhalb von Weesenstein. Am 12.8. um 0 Uhr war die Müglitz 20 Zentimeter tief. Bei drei Meter 60 hat um 15 Uhr 45 das Messgerät den Geist aufgegeben. Eine gestrichelte Linie steigt in der Nacht auf viereinhalb Meter. Da saßen die Jäpels auf der Mauer.

Schwarz-weiße Fotos sind aufgehängt, sie zeigen die Hochwasser von 1897, von 1927 und 1957. Die Bilder gleichen denen von 2002, nur tragen die Menschen andere Kleidung. Doch was anders war im vergangenen Jahr: Zwölf Stunden lang stand da das Wasser hoch, so lang wie nie, zwölf Stunden wühlte und grub es in Weesenstein, zwölf Stunden lang krachte schweres Treibgut wie Torpedos gegen die Häuser.

Wenn Hennig jetzt aus den Fenstern schaut, sieht er das Rinnsal der mäandernden Müglitz. Der Museologe ist ehrenamtlich im Naturschutz aktiv. Er sagt: „Es war ein Fehler, so nah am Fluss zu bauen. Man muss dem Wasser jetzt mehr Raum lassen.“

Im Park hinterm Schloss sind die Wege frisch geharkt. Scheinzypressen sind zu Kegeln geschnitten, Buchsbäumchen sauber gestutzt. Rosen blühen pink und rot, Gebirgsglockenblumen lila, weiße Petunien. 1700 Helfer haben hier unentgeltlich Tonne um Tonne Schutt abgetragen. Alleine 4,7 Millionen Euro hat das Restaurieren des Parks gekostet. Irgendwann werden auch die 104 verschwundenen Linden wieder neu gepflanzt.

Die Traurige. Die schockierende Nachricht kam am Gründonnerstag. Da sagte eine Frau von der Landestalsperrenverwaltung: „Ihr Haus steht im künftigen Flussbett.“ Bis dahin haben die Schülers den Putz abgeschlagen, 30 Fenster eingesetzt, fast alle Fußböden erneuert, Bad und Elektrik komplett. 90000 Euro Spendengelder sind verbaut. Die Statiker hatten gesagt, das Haus könne bleiben. Schülers wohnen Schulstraße 15, einen Steinwurf von der Pension Püschel.

Nun sitzt Anja Schüler, 20, in der Abendsonne auf einer Bierbank. Rechts die Müglitz, links ein orangeroter Betonmischer. Daneben liegen unter Plastikplanen Stapel von Holzplanken und Hohlblockziegel, Berge von Kies und Sand. Eine Schubkarre lehnt am Gerüst. Das Baumaterial braucht niemand mehr. Die Floristin trägt ein gelbes T-Shirt, sechs Ringe hängen am Ohr. Sie sagt müde: „Das kann doch nicht sein, das Aus nach einem dreiviertel Jahr! Wir haben hier keine Perspektive.“

Die LTV wird sie für das Haus entschädigen. In der höher gelegenen Gemeinde Burkhardswalde stehen zur Erbpacht Grundstücke bereit. Die Meyer-Wilks haben dort schon gebaut, die Fritsches werden folgen. „Grabesruhe“ liege schon über Weesenstein, „dem einstigen Märchenort“. Es gibt kaum noch Kinder im Dorf. Und schon eine ganze Weile spürt Anja Schüler diese Blicke, hört sie das Tratschen. Sie sagt, sie könne das verstehen. Die einen müssen ihren alten Krempel reparieren und darin weiterleben. Die anderen ziehen in feine Neubauten.

Es redet keiner gerne über Geld in Weesenstein. Nach der Flut kamen Fremde und steckten den Opfern Umschläge mit Scheinen zu. Sie wollten nicht anonym spenden. Lieber sollten jene armen Familien das Geld bekommen, die sie aus den Nachrichten kannten. Wer viel im Fernsehen zu sehen war bekam viele Umschläge. Man muss sich nur in der Schulstraße umhören. Ein Mann sagt: „Einige können Gott danken fürs Hochwasser. Man sieht doch, wo die Möbelwagen hinfahren.“ Eine Frau sagt: „Es wäre besser gewesen, unser Haus hätte es weggespült.“ Auch das Mäuerchen beim Pfarrer sei früher nicht so hübsch gewesen.

Als das Wasser abfloss, hat es mit Schutt und Geröll auch den Neid und die Gerüchte zurückgelassen.

Der Dichter. Im Frühjahr kommt bei Suhrkamp sein dritter Band mit Lyrik heraus. Christian Lehnert, 34, hat eine halbe Stelle als Pfarrer und schreibt sonst Gedichte. Die Kirche von Burkhardswalde hat einen Zwiebelturm mit Wetterfahne, die Toten sind ums Gotteshaus begraben. Gegenüber das grüne Pfarrhaus mit der Kastanie und dem verwilderten Garten. Weesenstein gehört zu Lehnerts Gemeinde.

Er ist ein Zugereister, auch wenn er sächselt, er hat vorher mit der Familie in Spanien gelebt. Randlose Brille, schwarzes Shirt, Jeans, Stoppelhaare. Der Pfarrer lacht viel häufiger, als nach seinen Gedichten zu erwarten ist. Gleich nach dem Hochwasser stand das Telefon nicht mehr still, wildfremde Leute klingelten an der Tür. Sie brachten Bargeld und Hausrat. Der Pfarrer ließ auf einer Liste quittieren und legte Scheine und Schecks in einen Karton. Im „Stern“ war zu lesen, zweieinhalb Millionen Euro seien ins Müglitztal geflossen. „Es ist mehr“, sagt Lehnert und addiert auf dem Taschenrechner: 1990500. Denn neben Lehnerts Kirchenkonto gab es noch zwei weitere für das Dorf.

Das Fernsehen wirkte. Lutz Hennigs Foto wirkte. Weesenstein wurde zwei Mal überflutet, einmal vom Wasser, später vom Geld.

Christian Lehnert war Vorsitzender vom Spendenausschuss. Es gab sechs Kategorien, 40000 Euro wenn das Haus verloren war. Alles ging unbürokratisch und im Zweifel für den Antragsteller. Und alle in der Gegend sagen einem wie der Pfarrer: „Keiner hat sich materiell verschlechtert.“ Ein Wort geht um: Flutgewinnler. Die Meyer-Wilks wohnen einige Minuten vom Pfarrhaus entfernt, in einem Haus, das aussieht wie drei Häuser, drumherum eine Mauer mit Zaun. Keiner fragt, ob sie glücklich sind.

Im November fühlte sich Lehnert „völlig entkräftet von der Last, aber ich bin den Menschen nahe gekommen wie sonst in Jahren nicht“. Bis heute sieht er unten in Weesenstein manchmal Einwohner stundenlang aufs Geröll starren und rauchen. Vor allem ältere Männer träumen nachts von der Flut. Viele erzählen, wie’s früher war.

Irgendwann, in drei, vier Jahren, glaubt der Pfarrer, könne er sich der Sache auch als Lyriker nähern. Noch fehlt die Distanz. Er hat nur einen kleinen Zyklus geschrieben, und der endet so:

Die Strudel aber, wo ein Haus verschwand, entfernen sich nicht,/sie kehren wieder, Puls der Nacht im Grollen von Öltanks/und Stämmen, die an die Wände schlagen: wach auf, wach auf,/bist du noch da oder kreist ein Stück Treibgut im Dunkel?

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