Zeitung Heute : Was hat die Woche gebracht…

Der Tagesspiegel

. . . für Abwanderer

Jörg Schönbohm hat der Abwanderung in der „Super Illu“ den Kampf angesagt. Brandenburg profitiert zwar im Speckgürtel um Berlin davon, dass gestresste Städter ins Grüne ziehen, in der Fläche aber sieht es anders aus: Die Mark entvölkert sich, weil die Jungen und Leistungsfähigen abhauen – dahin, wo es Arbeit gibt. Das ist nicht nur ein ideelles Problem, sondern auch ein pekuniäres. Zurück bleiben viele, die den Staat Geld kosten. Doch nicht alle Brandenburger wünschen sich eine Umkehrung des Trends, wie eine deutsch-türkische Familie in Basdorf erfahren musste. Sie wird seit einiger Zeit von Rechtsextremen bedroht und von so manchem vermeintlich wohlanständigen Mitbürger gemobbt. Mit sechs Kindern sorgt die Familie für die von Schönbohm ersehnte Verjüngung und zahlt auch Steuern. Bleiben die Brandenburger womöglich lieber unter sich – auch wenn’s weniger werden?

. . . für Zuwanderer

Vielleicht hatte Schönbohm ja Basdorf im Blick, als er mit preußischem Militärpathos im Bundesrat die Zustimmung zum Zuwanderungsgesetz verweigerte. Das Gesetz soll dafür sorgen, dass man Zuwanderung besser steuern kann und die ins Land holt, die Deutschland gut brauchen kann, weil sie gefragte Qualifikationen mitbringen oder gute Geschäftsideen. Letzteres würde auch Brandenburg dienen, wenn etwa ausländische Wissenschaftler nicht nur in Deutschland studieren, sondern danach auch Start-ups in Brandenburg gründen können, die Arbeitsplätze schaffen . Ob Schönbohm daran gedacht hat? Oder doch nur an Stoibers Wahlchancen, der in Bayern sowieso genug Arbeitsplätze hat.

. . . für spontane Nachtreter

Cool Kaugummi kauend, so kennt man Jens Lehmann, den Torhüter von Borussia Dortmund. Doch so cool ist er gar nicht, hat er doch gegen Soumaila Coulibaly nachgetreten, nachdem der ihm in die Beine gerutscht war. Der Schiedsrichter hat es nicht gesehen, aber die Kameras. Deswegen gabs ein Nachspiel – und am Ende vier Spiele Sperre für Lehmann. Ob sich das gelohnt hat?

. . . für subtile Nachtreter

Irgendwie haben in der Deutschland-AG ja immer alle mit allen zu tun. Die Banken sowieso. Zwei Großbaustellen gibt es derzeit zu besichtigen, Kirch und Holzmann. Bei Kirch hatte sich die Deutsche Bank einer von Dresdner und Hypo-Vereinsbank vorgeschlagenen Paketlösung verweigert. Jetzt wollten die nicht mitmachen, als die Deutsche Bank ihren Rettungsplan für Holzmann vorlegte. Nachgetreten? Oder ging der Tritt in eine ganz andere Richtung, etwa gegen Schröder, der Holzmann vor zwei Jahren noch gerettet hatte? Eins ist klar: Die Krise von Kirch schwelt weiter. Die Deutschland-AG in der Verlängerung – mal sehen, wie’s ausgeht.

. . . für Nestflüchter

Berlin ist pleite – und alle wollen hin. Auch Frank Schirrmacher, Herausgeber der FAZ. Am Montag verkündete Schirrmacher seinen Feuilletonisten, dass sie nach Berlin umziehen. Schließlich tobe dort das geistige Leben der Republik. „Kulturell ausgebrannt“ nennt ein anderer FAZ-Feuilletonist die Stadt am Main. Frankfurt, so Schirrmacher, gefährde auf lange Sicht das Feuilleton der FAZ. Doch es grummelt im Bauch der Redaktion. Will Schirrmacher eine andere Republik, eine zentralistische gar?

. . . für Nesthocker

Kaum ist die Bombe geplatzt, formiert sich in der FAZ die Ablehnungsfront. Am Ende der Rückzieher: Das FAZ-Feuilleton bleibt doch in Frankfurt. Geld hat den Ausschlag gegeben. Nein, nicht das Berliner Defizit, sondern die Kosten des Umzugs. Da mag in Berlin noch so viel Weltgeist wehen – am Ende zählt der bare Euro. Jetzt muss das Feuilleton doch weiter unter Frankfurt leiden. Aber Kunst entsteht ja meist weniger aus dem Einverstandensein mit der Welt, sondern aus dem Leiden an ihr, das sich eine Form sucht. Clemens Wergin

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