Zeitung Heute : Was hat die Woche gebracht…

Der Tagesspiegel

Er ist schon seltsam anzusehen, der Papst in diesen Tagen, wenn er im Petersdom sitzt. Gebrechlicher denn je, zittert er trotz seiner Medikamente, Speichel läuft ihm aus dem Mund. Mittlerweile ist er zu einem jener Menschen geworden, die normalerweise nicht mehr in der Öffentlichkeit vorgezeigt werden. Er sieht nicht mehr aus wie ein Papst, der das höchste Fest der Christenheit zelebriert, sondern so wie jene alten, kranken Menschen, die zu Ostern in den Altenheimen ans Frühlingslicht geschoben werden und die hoffen, dass irgendein Verwandter auftaucht. Der große Medienpapst wirkt jetzt wie einer, den man lieber wegsperrt. Da verwundert es kaum, wenn nun immer öfter gefordert wird, dass er zurücktritt, dass er von der Bildfläche, von der Bildschirmfläche verschwindet. Das wäre fürwahr eine pragmatische Lösung seines offenkundigen Konflikts zwischen Führung und Verfall, nun auch zwischen PR und Parkinson.

...für Unpraktische

Aber er tut es nicht. Der Papst bleibt einfach da sitzen, wo er hingehört, mitten im Dom, mitten in der Messe, mitten im Fernsehen. Er kann nicht mehr richtig sprechen, nicht mehr richtig gehen, aber eines kann er noch: denken. Und vielleicht, wahrscheinlich denkt er das Einfache: Dass es gut ist für die Kranken, aber auch für die Kirche, dass er sich nicht zurückzieht, dass er sich der neuen Religion des Pragmatismus nicht unterwirft. Ihn, das kann man sehen, schmerzt es, seinen äußeren Platz zu behaupten. Die Zuschauer dürfte es, recht besehen, freuen.

...für Irreligiöse

Der Bundeskanzler hatte es ja zu Beginn seiner Amtszeit nicht so mit der Religion. Meistens hat er schlicht vergessen, dass es da in seinem imposanten 80-Millionen-Volk auch noch diese komische, winzige 50-Millionen-Minderheit der Christen gibt. Lange versäumte er es, jemanden einzustellen, der sich um diese Gedönsgruppe kümmert. Dann vergaß er, dass man sein King-Size-Kanzleramt zur Eröffnung ein bisschen segnen könnte. Und bei seiner angeblich so großen Steuerreform hätte er um ein Haar die Kirchen um viele Millionen ärmer gemacht – aus Versehen.

...für religiös Interessierte

Seit einiger Zeit jedoch gibt sich der Kanzler aufgeschlossener. In dieser Woche hat er sogar programmatisch betont, wie wichtig ihm die Kirchen sind. In bestem Basta-Tonfall gab er kund, dass eine Abschaffung der Kirchensteuer mit ihm „nicht zu machen“ sei. Man darf das wohl seine Habermas-Kehre nennen. Der Papst der deutschen Linken denkt ja seit einiger Zeit religiös um. Und selbst wenn Schröder Habermas nicht oft liest, so weiß er doch, dass linke Intellektuelle eine wichtige Sache sind, Gedöns de luxe sozusagen.

...für Intellektuelle

Darum auch hat der Kanzler – oder doch mehr seine Frau? – in dieser Woche schon wieder ein paar Kulturschaffende ins ungesegnete Kanzleramt eingeladen. Neuerdings wissen die Intellektuellen in Deutschland gar nicht mehr , wie sie den vielen Einladungen der Schröders entgehen können. Böse Zungen behaupten ja, er spreche so gern mit Dichtern, weil er nicht zum Lesen kommt. Und wenn schon! Solange er nicht die Dichter vom Dichten abhält und die am Ende auch lieber reden als schreiben, kann es dem lesenden Untertan egal sein.

...für weniger Intellektuelle

Zumal wir Untertanen uns in diesen warmen Tagen weniger mit Literatur oder gar mit deren Extremform, dem Gedicht, beschäftigen, sondern mit – dem Wetter. So tief können die geistigen Krisen, so furchtbar können die wirtschaftlichen Probleme gar nicht sein, als dass sie sich in einem reichen, aber kalten Land nicht sofort in Nichts auflösten, wenn der Frühling ausbricht: An den Papst denken, den Kanzler einen guten Mann sein lassen und das Gesicht in die Sonne. Und basta. Bernd Ulrich

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