Zeitung Heute : Was heißt hier Urlaub?

Alexander Visser

BDI-Chef Rogowski fordert den Verzicht auf eine Woche Urlaub. Was wäre, wenn die Idee umgesetzt würde?

Haben Sie vor, dieses Jahr ihren Urlaub zu nehmen? Falls ja, tun Sie es wenigstens mit schlechtem Gewissen. Denn die durchschnittlich 29,1 Urlaubstage in Deutschland liegen über dem europäischen Schnitt und machen Arbeitsplätze teuer. Weil das so ist, fordert Michael Rogowski, Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), die Deutschen sollten sich zukünftig mit fünf statt mit sechs Wochen Urlaub begnügen.

Die Gewerkschaften reagieren verärgert. „Herr Rogowski ist eindeutig urlaubsreif“, heißt es in einer Stellungnahme des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Die Arbeitnehmervertreter sehen Rogowskis Äußerung als Teil einer Kampagne, längere Arbeitszeiten durchzusetzen. So war es etwa Siemens kürzlich gelungen, die 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich wieder einzuführen. „Bei den Arbeitgebern gibt es zurzeit einen Wettlauf, wer die längsten Arbeitszeiten fordert“, sagt DGB-Tarifexperte Christof Wachter. Die Produktivität erhöhe sich aber nicht linear mit den Arbeitszeiten, da Menschen keine Maschinen seien. Die Urlaubstage seien zudem keine milde Gabe der Arbeitgeber, sondern in den Tarifverhandlungen durch den Verzicht auf Lohnerhöhungen erreicht worden, betont Wachter.

Die Arbeitgeber bezeichnen den Verzicht auf Urlaub dagegen als Notwendigkeit im Standortwettbewerb. Der Handelsverband BGA argumentiert, der internationale Standard liege bei 25 freien Tagen. Tatsächlich haben in Europa nur Schweden (33 Urlaubstage), Niederländer (31,3) und Dänen (30) mehr Ferien als die Deutschen.

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