Zeitung Heute : Was heißt hier Würde?

Richard Schröder

TRIALOG

Ich finde es richtig, dass das Gericht im Kannibalenprozess der Verteidigung nicht gefolgt ist, die für „Tötung auf Verlangen“ plädiert hat. Denn das ist der Fall des Arztes, den ein Leidender um den erlösenden Tod bittet. Hier dagegen suchten und fanden sich zwei, die geradezu das Gegenteil, nämlich den ultimativen Kick suchten. Sehen wir einmal kurz davon ab, worin der Kick diesmal bestehen sollte, so finden sie sich mit diesem Lebensziel in bester und breiter Gesellschaft. Sich selbst verwirklichen und seine Phantasien ausleben, das sind doch längst gängige Formeln für legitime Lebensziele geworden – und offenbar auch für die Richter.

Nein, Mord war es nicht, denn es lasse sich nicht nachweisen, dass es dem Kannibalen auf sexuelle Befriedigung ankam (aber doch wohl auf Befriedigung! Wozu sonst der Aufwand?). Er habe aus „Neugier auf das Gefühl beim Schlachten“ getötet. Ach so.

Vor einiger Zeit las man von zwei jungen Frauen, die einen Mann erstochen hatten, um an seine Kreditkarte zu kommen. Was sie denn dabei gefühlt hätten, wurden sie vor Gericht gefragt. Sie hätte sich gewundert, wie leicht das Messer in das Fleisch eindrang, hat eine geantwortet. Das wurde als erschreckende Gefühlskälte und nicht als hellwache Beobachtungsgabe gewertet. Der Kannibale, so das Gericht weiter, wollte doch nur „an seinen Fetisch Männerfleisch gelangen“. Die beiden jungen Frauen wollten an ihren Fetisch Geld gelangen. Aber ja, Fetischismus, das ist doch eine legitime Art, seine Phantasien auszuleben!

Jeder hat ein Recht auf seinen Fetisch, was kann ich dafür, dass mein Fetisch zufällig Männerfleisch ist?

Dass der Kannibale alles auf Video aufgenommen hat, beweise auch kein Befriedigungsinteresse. Es könnte auch aus Dokumentationszwecken erfolgt sein, „wie bei einem Hochzeitsvideo.“ Der Richter muss eine seltsame Hochzeit hinter sich haben. Sein Hochzeitsvideo betrachtet man mit Freude oder (nach einer Scheidung) mit Wehmut. Als Dokumentation ist es nur brauchbar, wenn jemand die Hochzeit bestreitet. Gegen so etwas hat sich der Kannibale gewiss nicht absichern wollen. „Ein Verächtlichmachen der Leiche sehen wir nicht, wenn man sie essen will.“ Er wollte „ja einen liebenswerten Menschen in sich aufnehmen“. Bisher nahmen wir liebenswerte Menschen ins Herz auf und nicht in den Magen. Und der ist keine Ruhestätte, sondern ein Verdauungsorgan. Bei dem, was hinten dabei rauskommt, hält man sich die Nase zu. Die Richter aber sehen im Verdauungstrakt, und was da rauskommt, die Totenruhe nicht beeinträchtigt.

Das Gericht hält, wie es scheint, die absichtsvolle Selbstinterpretation des Angeklagten vor Gericht für authentischer als seine unbeobachtete. Umgekehrt wird ein Schuh draus. „Die Achtung vor der Würde“ seines Opfers gebot ihm, dessen Wünsche zu erfüllen, tönt er vor Gericht. In seinen E-Mails aber nennt er seine potenziellen Opfer „totale Versager“, denen man nur sexuelle Versprechungen machen muss, damit sie sich schlachten lassen.

„Der Mann ist krank“, heißt es allgemein. Mag ja sein. Aber erst nach dem Tode seiner Mutter begann er, sich in seine Perversion per Internet zu verrennen. Hätte er weiterhin eine Vertrauensperson gehabt, wäre das wohl nicht passiert. Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.

Der Autor ist Professor für Theologie an der Berliner Humboldt-Universität.

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