WAS ICH LIEBE, WAS ICH HASSE : Bleiben Sie bitte angeschnallt!

Die Spielzeit-Kolumne von Rüdiger Schaper, Leiter der Kulturredaktion des Tagesspiegels

Letzte Woche ist es wieder passiert. Nach einem wackeligen Anflug setzt die Maschine butterweich in Schönefeld auf. Die Passagiere klatschen! Beifall für den Piloten! Wahrscheinlich hören die das im Cockpit gar nicht, und es gibt auch immer einige coole Vielflieger, die müde grinsen, wenn nach gelungener Landung Applaus aufbrandet.

Aber ich finde es schön. Es erinnert mich an Theater. Ein bisschen Aberglaube ist wohl auch dabei, und die Erleichterung, wieder auf dem Boden zu sein. Ich verstehe das. Die uneingestandene Urangst, ins Bodenlose zu stürzen.

Danach bin ich gleich ins Theater gegangen, ins Deutsche. Nach der Renovierung sitzt man da jetzt richtig gut. Verbesserte Beinfreiheit, freiere Sicht. Im Haus der Berliner Festspiele sitzt man nicht so gut. Die Bestuhlung ist historisch und an vielen Stellen abschüssig, so dass man mit der Schwerkraft kämpfen muss, Sicherheitsgurte würden helfen. Hier hat schon Friedrich Luft, der große und groß gewachsene Kritiker einer weit zurückliegenden Zeit, seine Stunden in der früheren Freien Volksbühne abgesessen, immer am Rand, Gangplatz. Wie man hört, sollen aber auch die Festspiele neue Stühle bekommen.

Die Erfahrung eines Piloten wird in Flugstunden gezählt. Das wäre auch für Zuschauer und Kritiker interessant: wie viele Stunden, Tage, Wochen man so alles in allem sitzend im Theater verbringt, den Bühnenhorizont im Blick. Ich habe leider nie Buch geführt und hebe auch keine Bordmagazine resp. Programmhefte mehr auf. Philosophisch betrachtet, dreht es sich um die Zeit, die man in einem geschlossenen Raum mit ein paar hundert Menschen verbringt, in passiver Haltung, in der Hoffnung, irgendwo anzukommen.

Nach der Premiere des „Einsamen Wegs“ im DT war ich wie benommen. Knacken in den Ohren, Druck auf dem Gehirn. Die Luft im Theater war stickig, wie in einem Jet. Zwei Stunden waren wir auf diesem „Einsamen Weg“ gegangen oder geflogen. Danach schien alles leicht verschoben. Ich gebe zu, dass ich Christian Petzolds Inszenierung schwierig fand, irgendetwas ging nicht auf. Ging mir auf und an die Nerven. Irgendetwas war geschehen, ein Ortswechsel, eine minimale Zeitverschiebung. Etwas Unerwartetes, eigentlich Schönes.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben