WAS ICH LIEBE, WAS ICH HASSE : Dann nehm’ ich einen Obstler!

Die Spielzeit-Kolumne von Rüdiger Schaper, Leiter der Kulturredaktion des Tagesspiegels.

Der Schauspieler Wolfram Koch hat neulich einen Witz erzählt. Nicht in der Kantine, nein, es war auf der Bühne, auf offener Szene, bei Gotscheffs Shakespeare-Premiere im Deutschen Theater. Wolfram Koch ist ein fantastischer Witzeerzähler, und der Witz, den er vor ausverkauftem Haus erzählt hat, ist auch großartig, prima versaut. Was kann man mehr verlangen? Ein toller Spaßmacher, eine Klassepointe und sechshundert erwartungsvolle Augen- und Ohrenpaare ...

Nur, der Witz hat nicht gezündet. War eine Perle vor die ..., nein: Die ganze Aufführung litt unter Gehbeschwerden, sie klemmte, sie hakte, es wollte keine Atmosphäre aufkommen, da hilft der beste Witz nichts. Im Gegenteil. Koch bringt das Ding, und es herrscht Totenstille. Niemand lacht. Niemand traut sich zu lachen. Peinliche Momente folgen.

Dass ich den Witz mit der Frau und dem Obstler (genauer: mit der Prostituierten und dem trinkfreudigen Kunden) inzwischen schon etliche Male mit Riesenerfolg weitererzählt habe, mag für Koch und seine Kollegen ein schwacher Trost sein.

Aber! Witze auf der Bühne sind ohnehin etwas für Connaisseure. Noch Jahre, Jahrzehnte später wirken sie, blühen auf wie jene vertrockneten Wüstenrosen, die man in Wasser legt und zu neuer Anmut erweckt. Ich erinnere an den kürzlich verstorbenen Schauspieler Heinz-Werner Kraehkamp, genannt Krähe. Er lebt in seinen Nummern ewig fort. Gibt es einen schöneren Spruch auf dem Grabstein als „Er hat die Menschen zum Lachen gebracht“?

Bei Christoph Marthaler gehörte es früher zum guten Ton, wenigstens einen Witz pro Stück zu erzählen. Jedenfalls kennen wir den mit den „zwei Tickets nach Pittsburgh“ aus der Volksbühne. Und auch den mit dem steinalten Ehepaar, das sich scheiden lassen will („Wir haben gewartet, bis die Kinder tot sind“). Und natürlich den absoluten Klassiker „Backen ohne Mehl“. Vorzutragen in Schwyzerdütsch, mit viel Zeit und einer ungeheuren Ruhe. Dann geht er ab wie eine Granate. Leider fehlt hier der Platz, „Backen ohne Mehl“ auch nur anzureißen. Dafür einen jugendfreien Theaterwitz: „Der Vorhang geht auf, der Kritiker sagt: ,Schon scheiße!’“ Bloß, wo gibt es heute noch Vorhänge?

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