WAS ICH LIEBE, WAS ICH HASSE : Das Gedächtnis und seine Stützen

Die Spielzeit-Kolumne von Rüdiger Schaper, Leiter der Kulturredaktion des Tagesspiegels

Ein Umzug zu Spielzeitbeginn, wie gut sich das trifft! Ballast wird abgeworfen, das schafft Gedankenfreiheit. Bücher, Programmhefte, Zeitschriften, Broschüren wandern in den Altpapiercontainer oder werden verschenkt. Doch halt! Darf man sich so hemmungslos dem Rausch der Entrümpelung hingeben? Was ist mit der Peter-Palitzsch-Biografie, dem uralten Theaterlexikon, den Festivalschriften aus Kroatien und Kolumbien, Iran, Salzburg und Wien, den Vorschauen und Fotobänden, die so lange nicht geöffnet worden sind, dass die Kunstdruckseiten zusammenkleben, kurz: Wie finde ich die Balance zwischen der Pietät, die auch Druckerzeugnissen zusteht, und den notwendigen Häutungen, die jedes Archiv, jede Bibliothek periodisch durchmachen muss, zumal beim Umzug einer kompletten Zeitungsredaktion.

Strategen planen das papierlose Büro – da sollte man schon noch zivilisatorischen Widerstand leisten. Denn der Spruch, dass Papier geduldig sei, gehört der Vergangenheit an. Und in der kulturellen Entwicklung waren Theater und Papier (Bücher, Zeitungen) immer eng verbunden. Und beide spüren den Existenzdruck durch die elektronischen Medien.

Dabei wollte ich nur aufräumen und Umzugskisten packen. Ist das jetzt Barbarei, wenn ich ein paar Regale von der Last von Jahren und Jahrzehnten befreie? Um den Programmheftberg ist es nicht schade, Dramaturgen drucken sowieso immer die gleichen Texte. Und vieles andere finde ich im Internet, es heißt ja schließlich Internet-Auftritt! Und all die Bücher? Ein Kollege sagt: Was ich ein Jahr nicht angeschaut habe, fliegt! Das könnte aber auch grundverkehrt sein: Ein Buch, das nie gelesen wurde, vielleicht noch eingeschweißt ist, könnte seine große Zeit noch vor sich haben. Und schon hole ich, während ich das hier schreibe, die Jürgen-Gosch-Programmhefte aus dem Papierkorb, halte auch den Palitzsch wieder in den Händen, suche im Wegwerfhaufen nach der Teheran-Broschüre ... Ach, das Gedächtnis des Theaters. Es braucht Stützen. Buchstützen. Man mag sich von nichts trennen. Und den Kollegen von „Theater heute“ und „Theater der Zeit“ will man auch noch in die Augen sehen können bei den kommenden Premieren.

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