WAS ICH LIEBE, WAS ICH HASSE : Debatten ermatten

Die Spielzeit-Kolumne von Rüdiger Schaper, Leiter der Kulturredaktion des Tagesspiegels.

FOTO:  MIKE WOLFF
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In den Feuilletons sind solche Bücher ebenso gefürchtet wie beliebt. Denn sie treten Debatten los, wie das so schön heißt, sie sorgen dafür, dass eine neue, wenn auch nicht unbedingt frische Sau durchs Dorf getrieben wird. Gefürchtet ist dieses Genre des Debattenauslösers, weil man reflexartig darauf reagieren muss – die anderen machen es ja auch. Machen es schneller, größer, debattenhaltiger. Pawlow war ein berühmter Publizist; oder war’s der Hund?

„Der Kulturinfarkt“ ist so eine debattenwütige Publikation. Geschrieben von vier Experten, wie man so sagt; gespickt mit Zahlen und Attacken. Das Quartett findet den Subventionskulturbetrieb öde und veraltet, das sei also alles nur noch Selbstzweck und Selbstbedienung. Ganz vorn dabei: die Theater und Opernhäuser, die Museen natürlich auch. Wobei die „Infarkt“-Autoren da kaum einen Unterschied machen: alles staubig, von gestern. Sie sehen eine Lobby am Werk, die jegliche Kritik im Keim erstickt. Im Grundsatz wollen sie Staat und Kultur trennen, die staatlichen Ausgaben für Kultur drastisch herunterfahren.

Ein paar Wochen dauern diese Debatten in der Regel, dann kommen neue. Oder es ist auch mal Pause. Daran ist zweierlei unerträglich: Erstens werden Themen, wichtige Fragen überhaupt nur noch in Debattenform behandelt. Also, sie bekommen ein Format, wie alles formatiert werden muss, von der Datei bis zur Talkshow. (Oder hat die Talkshow den Rest der Welt formatiert?) Was wiederum bedeutet, dass man so eine Debatte auch gut aussitzen kann; es geht vorüber. Der Schmerz lässt schon nach. Es sei denn, man will oder muss sich von Berufs wegen daran beteiligen. Dann hat man für Nachschub zu sorgen.

Schlimmer aber ist etwas anderes. Wenn über Theater nur noch kulturfinanzpolitisch gesprochen wird, dann riecht es faul in Hamlets Staat. Wann zuletzt hat ein Stück, eine Inszenierung per se auf sich aufmerksam gemacht? Ich rede ja nicht von Skandal, sondern von Ästhetik, von Kunst. Ja, darüber wäre zu sprechen. Und wenn es das Schwerste ist: die Erscheinungen, das Nichtmaterielle in Worte zu fassen. Das Gute, Wahre, Schöne, das Hässliche, das Böse, das Fremde. Nach dem Debatten-Infarkt.

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