WAS ICH LIEBE, WAS ICH HASSE : Der stumme Traum

FOTO:  MIKE WOLFF
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In einem Buch von W. G. Sebald fand ich einen schönen Text über die Oper, über Bühnenkunst schlechthin. Das Buch ist zwanzig Jahre alt und sein Verfasser auch bald schon zehn Jahre tot. Sebald hat eine so klare, hoch emotionale Prosa geschrieben, dass ich nun alles von ihm lesen werde, was ich noch nicht kenne – soweit man im Endspurt der Spielzeit überhaupt zum Lesen kommt.

In einer Erzählung des Bändchens „Schwindel. Gefühle“ also trifft er in Verona einen Zeitungsredakteur (der auch kaum Zeit zum Lesen findet), sie sitzen in einem Café und reden über die Opernfestspiele in der Arena. Es ist ein melancholisches Gespräch zweier Gentlemen in Verona, und der Italiener gesteht: „Seit mehr als dreißig Jahren arbeite ich nun bereits in dieser Stadt, und nicht einmal habe ich eine Aufführung gesehen in der Arena. Ich sitze hier heraußen, wo von der Oper nichts zu hören ist. Nicht der Orchesterklang, nicht der Chor, nicht die Stimmen der Sänger. Kein Ton. Ich höre gewissermaßen eine lautlose Oper. La spettacolosa Aida, eine fantastische Nacht auf dem Nil als Stummfilm aus der Zeit vor dem großen Krieg.“

So geht es einem doch allzu häufig, wenn man schon ein bisschen länger dabei ist. Man träumt von einer Oper, einem Schauspiel, und in der Fantasie verbindet sich früher Gesehenes und Erlebtes mit einer Idealvorstellung von einem Stück oder einer Inszenierung. Es steckt etwas Unrealistisches und gegenüber den ausführenden Künstlern vielleicht auch Unfaires in solchen Theaterträumereien, aber ich bin überzeugt, dass hier das Geheimnis des Theatergehens verborgen liegt. Als ich kürzlich gefragt wurde, was die wichtigste Eigenschaft eines Kritikers sei, konnte ich nur sagen: seine Neugier, seine Aufnahmebereitschaft. Man kann nur gierig auf Neues sein, wenn ein Bewusstsein für das Alte existiert, das Verflossene. Avantgarde greift im Grunde auf Gewesenes zurück, auf das Archaische. Und dann lässt Sebald seinen Freund noch etwas Bemerkenswertes erklären: „Das Publikum hat die Schauspielerei verlernt.“

Ich verstehe den Satz so, dass auch das Publikum-Sein eine Kunst ist. Man lernt sie aber nur im Theater selbst, nicht aus der Distanz. Das ist, frei nach Diderot, das Paradox des Zuschauers – und oft schwer auszuhalten.

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