WAS ICH LIEBE, WAS ICH HASSE : Die Moral um die Ecke

Die Spielzeit-Kolumne von Rüdiger Schaper, Leiter der Kulturredaktion des Tagesspiegels.

Diesmal hat meine Kolumne einen Gastautor. Es ist der Regisseur und frühere Intendant des Schauspielhauses Bochum, Frank- Patrick Steckel. Er gehört zu der Generation der linken Gründer, er war dabei, als in Berlin die Schaubühne entstand, und er hat immer ein politisches Theater vertreten. Im Februar wird er siebzig Jahre alt.

Frank-Patrick Steckel hat jetzt auf einen Satz in meiner Kritik zu Herberts Fritschs Inszenierung „Ohne Titel Nr. 1“ an der Volksbühne reagiert. Ich schrieb: „Es tut wieder verdammt gut, von Fritsch und seiner Panik-Truppe schief angemacht zu werden. Moral und Bedeutung gibt’s an jeder Ecke.“

Und nun Steckel: „Verehrter Herr Schaper, diese Ihre Mitteilung begeistert mich und lässt mich, aufgrund ihres lakonisch-sachlichen Tonfalls, (wieder) hoffen – sind Sie so gut und übersenden mir einen Stadtplan, auf dem Sie die Ecken, an die Sie denken, angekreuzt haben? An den Ecken, um die ich seit mehr als dreißig Jahren komme, wurden und werden stets nur (und zunehmend) Unmoral und Bedeutungslosigkeit angeboten. Wären Sie ggf. auch bereit, entsprechende Führungen für Gruppen zu übernehmen? Ich würde in diesem Fall mit Ihnen einen Termin vereinbaren und die Interessierten bitten, sich hier zu melden? (...) Sie werden Ihren Namen sowie das Feuilleton des Tagesspiegels unsterblich machen, indem Sie eine gewiss ebenso schnell wachsende Öffentlichkeit davon unterrichten, wo jene Ecken sich befinden, an denen diese Elixiere, wie Sie meinen, mit der Häufigkeit erwerbbar sind, die in Berlin sonst bestenfalls der Currywurst eignet. In heftiger Erwartung, Ihr Frank-P. Steckel“.

Da hat mal einer Humor! Aber nicht viel Stadtkenntnis. Lieber Herr Steckel, am BE, am DT, am Gorki, an der Volksbühne gibt es pausenlos politische Diskurse, engagierte Stücke, Demonstrationen des guten gesellschaftlichen Willens usw. Ebenso ein paar Ecken weiter an der Schaubühne. Die können davon gar nicht genug kriegen! Natürlich machen die Regisseure das heutzutage anders als damals bei Ihnen, in den seligen Oberlehrerzeiten. Und Herbert Fritsch? Der nimmt sich die schönste Freiheit, die das Theater zu bieten hat: Er will spielen. Er ist Anarchist. Er besitzt ein beneidenswertes, rares Talent: Er ist ein Komiker. Und jetzt: weiterlachen!

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