WAS ICH LIEBE, WAS ICH HASSE : Ein Königreich für ein Skelett

Die Spielzeit-Kolumne von Rüdiger Schaper, Leiter der Kulturredaktion des Tagesspiegels.

Shakespeare hat existiert, das ist nicht die Frage. Ob der windige Typ aus Stratford aber auch der Autor von „Hamlet“, „Macbeth“ und Co. war, steht auf einem anderen Blatt. Wer immer die unsterblichen Dramen verfasst hat – er oder sie nahm es mit Geografie, Geschichte, mit den Fakten nicht so genau. Es ist schließlich Theater.

Nun haben Archäologen in der englischen Stadt Leicester ein Skelett gefunden, das einst von einem berühmten Scheusal bekleidet wurde. Es soll sich bei den Knochen, die Mitte September aus dem Untergrund einer Parkgarage zutage gefördert worden sind, um die Überreste von König Richard III. handeln. In der Riege der Shakespeare’schen Mörder und Tyrannen hat er eine herausgehobene Stellung: Richard III. gilt als besonders grausam, machtgeil, ruchlos. Er meuchelt sich auf den Thron, aber das tun andere im Grunde ebenso und nicht minder brutal. Und was die schiere Zahl der Leichen auf der Bühne angeht, ist „Titus Andronicus“ kaum zu übertreffen.

Der Inbegriff des Bösen, das ist nun einmal Richard III. Vielleicht wegen seiner Hässlichkeit und seiner Körperbehinderung: Er hinkt und hat einen verwachsenen Buckel. Der Knochenfund scheint die dramatische Diagnose zu bestätigen, denn das Skelett von Leicester hat eine verkrümmte Wirbelsäule, und es steckt eine Pfeilspitze im Rücken.

Der historische dritte Richard starb 1485 in der Schlacht von Bosworth. Forscher bezweifeln, dass er tatsächlich ein so außergewöhnlicher Fiesling war. Doch Shakespeare ging es nicht um historische Wahrheit, sondern um Wirkung. Er schuf das ultimative Monster, machte den Krüppel zur Mordmaschine, die auch über Kinderleichen geht. Hauptsache Rache! Hauptsache Krone!

Richard III. hatte eine Schwester, von der – in 17.Generation! – heute noch ein Nachkomme lebt. Ein DNA-Test soll in Kürze zeigen, ob die Knochen aus dem Car Park von Leicester tatsächlich dem letzten Monarch aus dem Hause York gehörten. Aber wozu? Legenden sind stärker als Wissenschaft, der britische Trickie-Dickie wird das arme Schwein bleiben, die miese Obersau. Bis die Bühne ihn erlöst. Nur Schauspieler und Regisseure haben dazu die Kraft. Nur das Theater kann verschieben, was das Theater aufgebaut hat.

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