WAS ICH LIEBE, WAS ICH HASSE : Ein Wunsch, von Herzen

Die Spielzeit-Kolumne von Rüdiger Schaper, Leiter der Kulturredaktion des Tagesspiegels.

Ich bin gebeten worden, etwas Weihnachtlich-Silvestriges zu schreiben, einen Wunschzettel, etwa so: dass nächstes Jahr alles besser werde. Ein Kollege, dem der „Kirschgarten“ in den Sophiensälen noch in den Ohren dröhnt, wünscht sich weniger Geschrei. Eine Kollegin wünscht sich attraktivere, intelligentere, männlichere Männerdarsteller an der Schaubühne, ach was, überall, auf allen Bühnen. Wieder ein anderer wünscht sich einen Peter-Brook-haften Sinn für die Leere des Raums oder hilfsweise ein halbes Jahr gar kein Theater.

Aus alledem spricht eine gewisse Ernüchterung, was den Verlauf dieser Spielzeit angeht, aber wir haben ja noch etwas Zeit bis zur Sommerpause. Jetzt ist erst mal Winter, und der Berliner Winter ist dunkler, kälter, bedrückender als die Winterszeit anderswo – im Grunde beste Bedingungen für Theater. Für das Geborgensein in Innenräumen der Fantasie.

Was wünsche ich mir vom Theater? Normalerweise sagen glückliche Menschen, dass sie nichts brauchen, dass sie alles haben. So geht es mir auch, nur dass das Theater mich seit Längerem nicht zum glücklichen Menschen macht, auch nicht zu einem wacheren Zeitgenossen. Eine seltsam widersprüchliche Lage: Man hat so vieles, wenn auch nicht alles, schon gesehen, und man bräuchte so viel mehr. Man hat eben nicht alles, denn Theater kann man nicht besitzen, höchstens Erinnerungen daran; Theater muss immer wieder neu gewonnen, gewagt, probiert werden, dem Rest des Lebens nicht unähnlich. Ich will auch nicht mehr von dem Abgepackten und Wohldosierten haben, was auf dem Markt ist. Ich will manchmal gar nichts vom Theater, denn ich werde das Gefühl nicht los – das Theater will auch nichts von mir. Man erreicht einander nicht, lebt aneinander vorbei, wie in einer Beziehung.

Schöne Bescherung, Weihnachtsdepression! Aber da fällt mir das Grips Theater ein, neulich die Premiere von „Pünktchen trifft Anton“, Volker Ludwigs Remake des Kästner-Klassikers. Das ging ganz schön unter die Haut, und ich dachte: Was ist falsch an Gefühlen, warum kommen sie meist nur als halb aufgetaute Industriehühner auf die Bühne? Es heißt zwar Grips, aber es geht hier ans Herz, ums Herz. Davon hätte ich gern mehr, bitte!

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