WAS ICH LIEBE, WAS ICH HASSE : Facebook-Freund Fontane

Die Spielzeit-Kolumne von Rüdiger Schaper, Leiter der Kulturredaktion des Tagesspiegels.

Gefällt mir? Gefällt mir nicht? Technische Entwicklungen werfen Fragen auf, die im Grunde immer schon beantwortet sind. Was könnte man auch unternehmen gegen die Digitalisierung des Lebens oder gegen das Wetter, warum sollte man?

Als kürzlich das Maxim Gorki Theater seine „Effi Briest“ ins Netz stellte, als Premiere auf Facebook, fand ich’s lustig. Schauspieler als Avatare, als digitale Spielfiguren, Zuschauer, die mit dem Zeigefinger abstimmen – klicken statt klatschen –, und der Bildschirm als Bühne. Kein Problem. Aber auch kein so gewaltiger Fortschritt. Schließlich haben sie kein Theaterstück vertickt, sondern einen Roman von Theodor Fontane, der dann eine Woche später auch noch regulär auf die Bretter kam. Woraus man manches lernen kann.

Erstens: In seiner 2500-jährigen Geschichte hat das Theater schon eine Menge neuer Dinge absorbiert, zum Beispiel das elektrische Licht, Video oder Mikroports. Was wie eine Revolution daherkommt, ist manchmal schneller Standard, als man sich versieht. Zweitens hat sich das Theater als erstaunlich zäh erwiesen, gewisse Grundeinstellungen sind nicht verhandelbar – wie der Schauspieler. Auch ein Avatar ist ein Darsteller, ein Als-Ob, eine Verkörperung. Und drittens scheint die Digitalisierung und Vernetzung viel eher das Kino zu attackieren als das Theater. Das Kino, wie wir es seit hundert Jahren kennen, ist von Anfang an nah an der Technik gebaut, es ist ein Apparat und als solcher anfälliger für technische Umwälzungen. Während das Theater schlicht und ergreifend von Menschen ausgeht, die an einem bestimmten Platz stehen und etwas machen, was von anderen Menschen beobachtet und beurteilt, erlebt und genossen wird.

Peter Brook hat das vor fünfzig Jahren in seinem Buch „Der leere Raum“ beschrieben. An dieser simplen Ausgangslage scheint sich auch im 21. Jahrhundert nichts zu ändern. Das Theater ist von Anfang an so klar und schwer verbesserbar erfunden worden wie das Rad oder der Sex. Nun gut, es holpert und rumpelt im Moment, es läuft nicht rund auf den deutschsprachigen Bühnen. Aber Cyber-Theater/Cyber-Sex kann kaum die Zukunft sein. Denn ohne ein gewisses Gemeinschaftsgefühl, und seien es nur zwei, funktioniert es nicht.

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