WAS ICH LIEBE, WAS ICH HASSE : Früher oder später

Die Spielzeit-Kolumne von Rüdiger Schaper, Leiter der Kulturredaktion des Tagesspiegels

Auf die Kolumne vom vorigen Monat zum Thema Musikkritik & Zahnärzte gab es eine Reihe interessanter Reaktionen. Ich verzichte auf Details, da ich es mir mit keinem Berufsstand verderben will – nicht mit meinen Kolleginnen und Kollegen und schon gar nicht mit den Dentisten. Beide müssen nun mal bohren. Die einen nehmen den Mund voll, die andern stopfen ihn. Man könnte auch sagen: Kritiker reißen Wunden, die kein Arzt heilen kann. Ein ärztlicher Kunstfehler ist irreparabel. Wenn ein Kritiker oder eine Kritikerin sich mal irrt, schmerzt es ihn oder sie selbst am meisten – glauben Sie mir! Ich weiß das aus Erfahrung.

Heute lieber ein harmloses Thema. War neulich in Schwerin, wegen des Theatertreffens. Eine wirklich schöne Stadt, besonders wenn es Frühling wird. Die Häuser am Wasser, alles fein renoviert, auch im Theater hat sich einiges getan. Die Vorstellung, die ich besuchte, begann um 18 Uhr, es war ein Sonntag. Nach anderthalb Stunden war’s dann auch schon wieder vorbei – reichlich Zeit, zum Bahnhof zu spazieren und Bier und Brötchen zu kaufen. Mit der Regionalbahn bis Ludwigslust, dann mit dem ICE: Gegen 22 Uhr kehrten wir nach Berlin zurück, und der Abend war noch jung.

Das ist eine schöne Sache, sehr nachahmenswert. Hier mein Vorschlag: Am Wochenende sollte das Theater grundsätzlich früher beginnen. Um halb sechs, nach der Bundesliga-Konferenz im Radio. Man hätte nachher mehr Zeit, das Erlebte herunterzuspülen oder mit Lust und guter Laune zu besprechen, rechtzeitig zu einem Abendessen oder einer Party zu gehen oder noch ins Kino. Man wäre, wenn das Theater um Neun aus ist, schneller wieder ein freier Mensch.

In der Oper machen sie es ja so. Sie beginnen früh, aber so ein Wagnerscher Liebestod dauert seine fünf Stunden. Da ist kaum etwas gewonnen. Tristan braucht seine Zeit. Das Opernpublikum ist an lange Pausen gewöhnt.

Und warum nicht auch mal später anfangen? Ein Tristan als Nachtvorstellung, von zehn bis drei Uhr in der Früh? Eine Mitternachtsvorstellung mit einem knackigen Neunzig-Minuten-Thalheimer? Man hätte den Abend frei und könnte ins Theater gehen. Eine völlig neue Perspektive: Zähne putzen, ohne sich nass zu machen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben