WAS ICH LIEBE, WAS ICH HASSE : Für immer Bob

Die Spielzeit-Kolumne von Rüdiger Schaper, Leiter der Kulturredaktion des Tagesspiegels

Achja, der 24. Mai. Bob Dylan wird 70. Die Spielzeit-Redakteurin hat sich eine Kolumne dazu gewünscht. Das Motto ist klar, die Überschrift werden viele machen: Forever young. Aber war er nicht immer schon alt? Meine ersten Dylan-Alben habe ich Mitte der Siebziger gekauft, mein erstes Dylan-Konzert war 1978 in Dortmund, Westfalenhalle. Da tourte er mit den Überresten der Las-Vegas-Show-Band von Elvis Presley durch die Welt, „Blowin’ in the Wind“ mit Schubiduh und Blechgebläse. Was damals den Orthodoxen ein Gräuel war, klingt heute kräftig-klassisch. Achja, the Times they are a-changin’ ...

Die Volksbühne will den „Größten“, wie es in der Einladung heißt, an diesem 24. Mai rauf und runter feiern. „Hard Rain – 1000 Jahre Dylan“, immerhin ein originelles Motto. 1000 Jahre Castorf hätte natürlich auch gepasst. So ist das mit den Weltbewegern. Man wird sie nicht los, wozu auch? Sie sind Geschichte, sie sind unsere Geschichte. In den großen Zeiten hat Castorf gern mal eine Beatles-Nummer spielen lassen, die Stones waren auch dabei, an einen Dylan-Song in einer Volksbühnen-Inszenierung kann ich mich gerade nicht erinnern.

Aber das Prinzip Dylan gehört zweifellos zu jener glorreichen Erscheinung, die einmal Regietheater geschimpft wurde. Klassiker auseinandernehmen, Texte und Traditionen gegen den Strich arrangieren, das Publikum foppen, das überraschende Live-Erlebnis: So macht es Bob Dylan bis heute, wenn er die Bühne entert. Der Unterschied besteht darin, dass er die eigenen Kompositionen schreddert und neu zusammensetzt, während die Regisseure fremdes Material zerlegen und damit eine neue Autorenschaft begründen. Wie Dylan, so hatte dann Frank Castorf eine religiöse Phase, aber das ist lange passé. Heute ziehen sie beide weiter ihre mysteriösen Kreise auf ihrer never ending tour. Aber das grenzt jetzt an Blasphemie und Bob-Beleidigung.

„1000 Jahre Dylan“. Klingt das nicht wie „100 Jahre CDU“, wie Christoph Schlingensief? Beim Theatertreffen ist seine letzte Arbeit zu sehen, „Intolleranza“. Auch die Biennale in Venedig, die Anfang Juni beginnt, erinnert an ihn. Der Mai gehört dem Theater, und Dylan ist sowieso immer.

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