WAS ICH LIEBE, WAS ICH HASSE : Kommissar Shakespeare

Die Spielzeit-Kolumne von Rüdiger Schaper, Leiter der Kulturredaktion des Tagesspiegels.

Jetzt kommt Wolfram Koch. Der Schauspieler, der uns in der Volksbühne und am Deutschen Theater begeistert, in Inszenierungen von Herbert Fritsch und Dimiter Gotscheff, wird „Tatort“-Kommissar in Frankfurt am Main. Glückwunsch, Wolfram Koch! Glückwunsch, ARD! Ohne das Theater wäre der „Tatort“ längst mausetot: In Dortmund ermittelt Jörg Hartmann (einst Schaubühne) mit seinen Wahnsinnsmethoden. Axel Prahl (war ganz früher beim Grips Theater) hält als Münsteraner Polizist den Quotenrekord. Kochs Partnerin in Frankfurt ist Margarita Broich, sie kennen wir aus dem Berliner Ensemble und aus dem Umfeld Heiner Müllers – während Müllers Arturo Ui (und Broichs Partner im Leben) Martin Wuttke den „Tatort“ Leipzig unsicher macht. Nina Kunzendorf – herrlich früher in ihren Rollen an den Münchner Kammerspielen – hat ihren Job als „Tatort“-Kommissarin in Frankfurt geschmissen und war gerade als oberstrenge Beamtin beim „Mord auf Langeoog“ zu sehen. Und Henry Hübchen muffelte sich vor Jahren als „Polizeiruf“-Kommissar durch MeckPomm.

Vielleicht zahlt das Fernsehen ja einfach besser. Und es bringt eine andere Popularität als die Bühne. Wer will heute auch ewig einem Ensemble angehören, mit all den Verwerfungen und Konkurrenzgeschichten und verrückten Regisseuren? Dann lieber das alles nur spielen, den Bürostress, die Liebe auf dem Revier und was nicht alles. Man muss auch leider sagen: Die Theaterfamilien sterben aus. Was soll jetzt nach Gotscheffs Tod aus seinen Schauspielerin werden? Wolfram Koch hat den Job in Frankfurt, aber ob es auch für die Seele ist? Sein Spielpartner Samuel Finzi glänzte als superschlauer Kriminalpsychologe Flemming im Fernsehen, mit der wunderbaren Claudia Michelsen, die das Theater schon lange an den Bildschirm verloren hat.

Das Theater bietet ihnen keine Rollen mehr, keine Bindung. Wie weh, wie gut es tut, Ulrich Mühe, den so früh Gestorbenen, gelegentlich als „Letzten Zeugen“ im TV wiederzusehen, als stets verkrachten und verliebten Gerichtsmediziner. Mühe war Müllers Hamlet. Hamlet ist die Ur-Rolle des Ermittlers. Mord in der Familie, Inzest, Selbstmord – das ist alles drin bei Shakespeare. Das haben Theaterleute drauf. Mord ist ihr Herzblut.

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