WAS ICH LIEBE, WAS ICH HASSE : Lob des Umzugs

Die Spielzeit-Kolumne von Rüdiger Schaper, Leiter der Kulturredaktion des Tagesspiegels

Ein Umzug ist, wie jeder aus aufreibender Erfahrung weiß, eine hoch dramatische Angelegenheit. Nicht nur Geschirr und Bilderrahmen, Stühle und Betten, Bandscheiben und Nervenkostüme, sondern auch Freundschaften und Liebesbeziehungen brechen zusammen, wenn der große Wagen vorfährt. (Ich rede jetzt nicht von den albernen Karnevalsumzügen!) Im Theater aber sieht es anders aus: Da haben Umzüge belebende Wirkung.

Wenn das Deutsche Theater wegen des Umbaus nun in der Volksbühne und im Haus der Berliner Festspiele gastiert, bringt das für beide Seiten großen Gewinn, wie man gerade sieht. Und weiter geht’s: Die Volksbühne muss in Kürze für eine Weile vom Rosa-Luxemburg-Platz in den Prater umziehen, das große Haus wird renoviert. Ist ja auch schon eine gute Nachricht. Der Senat lässt die großen Bühnen nicht verkommen, jedenfalls was die Bausubstanz betrifft. Und im nächsten Jahr folgt die Mutter aller Umzüge, der logistische Wahnsinn – wenn die Staatsoper ins Schiller-Theater wandert, mit Sack und Pack. Das Haus Unter den Linden ist marode, natürlich nur nach baulich-konservatorischen Maßstäben. Bei der Gelegenheit wird auch das Schiller-Theater, dieses traurigste aller Berliner Theatergehäuse, mal wieder ordentlich hergerichtet.

Wie gesagt, so ein Theaterumzug belebt ungemein. Ist auch einfach zu erklären: Theater war im Anfang eine mobile Unternehmung. In der Antike soll ein Stückeschreiber namens Thespis mit seinem gleichnamigen Karren umhergezogen sein. Später gab’s bei uns die Wanderbühnen. Es wird oft vergessen – Theater ist Wanderung. Das teatro stabile, das feste Theater mit Ensemble, gehört zweifellos zu den großen zivilisatorischen Errungenschaften, Orhan Pamuk hat das gesagt: Der Roman und das Sinfonieorchester sind die wichtigsten Beiträge des Westens zur Weltkultur.

Dummerweise aber haben feste Häuser, ob für Schauspiel oder für Musiktheater, die Tendenz, biologisch umzukippen, wie stehende Gewässer. Dann riechen sie nicht mehr gut, nichts bewegt sich mehr, Fische und Pflanzen sterben. Dann tümpelt und dümpelt die Kunst, und es wird Zeit für eine Ortsveränderung oder vielleicht auch einen Intendantenwechsel.

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