WAS ICH LIEBE, WAS ICH HASSE : Mehr Bücher auf die Bühne!

Die Spielzeit-Kolumne von Rüdiger Schaper, Leiter der Kulturredaktion des Tagesspiegels

Es grassiert mal wieder massiv, das Roman-Nachspielen. Die Volksbühne bringt den „Spieler“ nach Dostojewski, die Schaubühne hat mit den „Aufzeichnungen aus einem Kellerloch“ ein Prosastück des nämlichen Russen auf dem Spielplan und außerdem den „Talentierten Mr. Ripley“ von Patricia Highsmith. Am Maxim Gorki Theater hat der Dauerversuch „Wie viel Prosa passt auf die Bühne?“ jetzt mit den „Wohlgesinnten“ nach Jonathan Littell eine kritische Phase erreicht. Außerdem im Gorki-Angebot: die berühmten Dramatiker Fallada, Flaubert, Christa Wolf.

Jaja, ich weiß, es ist auch nicht sehr originell, sich über die Bücherflut auf den Bühnen aufzuregen. Das geht schon eine ganze Weile so und außerdem: „Rocco und seine Brüder“ am Gorki Theater ist toll – auf der Grundlage des Visconti-Films. Und Frank Castorfs unvergessliche Expeditionen zu Dostojewski damals mit Henry Hübchen und Herbert Fritsch ...

Wie wäre es mit etwas Service? Zum Beispiel könnte sich ein Theater mit der Idee anfreunden, die monatliche Bestseller-Liste durchzuspielen. Sachbuch und Belletristik. Ich stelle mir kurze Auftritte vor, knappe Zusammenfassungen, die Bühne ohne Dekoration, die Sprecher in Privatkleidung, richtig günstig das Ganze. Anderthalb Stunden von Philipp Lahm zu Margot Käßmann und von Charlotte Roche zu Tommy Jaud. Von Adler-Olsen zu von Schirach. Für Nachzügler kann noch die Taschenbuchliste durchgenommen werden.

Wahrscheinlich gibt es Probleme mit den Rechten, aber da müssen sich die Theater etwas einfallen lassen. Ein Grundgefühl für die Bücher zu entwickeln, darum geht es doch nur. Es gab mal eine Show, in der aus abgelehnten Filmscripts vorgelesen wurde. So ähnlich stelle ich mir „Die Bestseller“ (Arbeitstitel) vor, eben im positiven Sinn. Und so ähnlich wie bei Denis Scheck im Fernsehen könnte man nachher die Bücher ins Publikum werfen, als Werbeaktion.

Und schließlich können die Dramaturgien dann immer noch überlegen, ob sie das eine oder andere Buch richtig nachinszenieren wollen, ob sie lieber erst auf die Verfilmung warten und dann zuschlagen – oder ob man besser zuhause bleibt und ein Buch liest. Soll vorkommen.

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