WAS ICH LIEBE, WAS ICH HASSE : Nichts wie weg hier (2)

Die Spielzeit-Kolumne von Rüdiger Schaper, Leiter der Kulturredaktion des Tagesspiegels.

Letzten Monat habe ich hier von meiner Desertion aus einer laufenden Theatervorstellung berichtet. Das Echo war groß. Natürlich wollten alle wissen, aus welchem Theater ich getürmt bin, aber das wird nicht verraten. Die meisten Leser äußerten Verständnis. Sie kennen das Gefühl, wenn man es körperlich einfach nicht mehr aushält. Aber dann sind sie doch nicht gegangen, sondern geblieben. Aus Höflichkeit oder Bequemlichkeit oder logistischen Gründen – oder weil auch im Theater manchmal die Tore erst in der Nachspielzeit fallen.

Bei Frank Castorf war das früher so. Da durfte man auf keinen Fall in der Pause gehen, egal wie zäh und nervig sich so ein Dostojewski-Abend hinzog. Wer zu früh ging, den bestrafte die Volksbühne. Denn es konnte geschehen, dass nach viereinhalb Stunden – alle hingen in den Seilen – plötzlich ein Herbert Fritsch einen Wahnsinnsauftritt hinlegte. Er kam aus dem Nichts und das Spiel hatte sich gedreht. Pausen gibt es bei Castorf sowieso fast nie, weshalb bei ihm der gute alte Pausentrick nicht funktioniert. (Wird nicht verraten, bleibt ein Berufsgeheimnis.)

Aber vielleicht wird eine Serie draus: Meine Theaterfluchten. So ähnlich wie „Terminator“ 1–4 oder „Die Hard“ 1 – ?, mit Sequel und Prequel. Besser und langsamer kann man nicht altern. Man sollte nur nicht allzu oft feststellen müssen: „Dieses Stück hat mich reichlich Lebenszeit gekostet.“ Wie sagt Terminator Schwarzenegger? „I’ll be back.“ Genau! Bei einer Opernvorstellung ist es uns einmal gelungen, gegen Ende des ersten Aufzugs geräuschlos den Saal zu verlassen, um während des langweiligen zweiten Aufzugs gegenüber ein schönes Dinner einzunehmen – und gut gelaunt zur zweiten Pause wieder im Foyer zu stehen, zu scherzen und zu plaudern, und den dritten Aufzug haben wir erfrischt und konzentriert genossen. (Das ist nicht der gute alte Pausentrick – und auch nur für durchtrainierte Theatergänger geeignet.)

„I’ll be back.“ Ich komme wieder. Doch ein Rest Zweifel bleibt. Wer abhaut, wer seine persönliche Freiheit über die Leidensgemeinschaft stellt, verpasst das stolze Gefühl, durchgehalten zu haben. Auch das gehört zum Theater: Sich auf ein anderes Zeitmaß einlassen, die Welt draußen vergessen, ohne Popcorn und Bier. Fortsetzung folgt.

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