WAS ICH LIEBE, WAS ICH HASSE : Nichts wie weg hier

Die Spielzeit-Kolumne von Rüdiger Schaper, Leiter der Kulturredaktion des Tagesspiegels.

Ich habe mich das schon immer gefragt: Warum stehen die Menschen nicht einfach auf und gehen? Wieso ertragen sie das alles stumm und geduldig und klatschen nachher in die Hände? Wer oder was zwingt sie dazu, stundenlang auf engen Sesseln im Dunkeln auszuharren und sich zu langweilen, zu ärgern, schlecht zu fühlen?

Es gibt nichts Schlimmeres und Schöneres als Theater. Denn anders als im Kino wird es vor meinen Augen gemacht, von Menschen aus Fleisch und Blut, deren Spucke manchmal bis in die dritte oder vierte Reihe fliegt. Ich bin als Zuschauer nah dran, unmittelbar betroffen, es geschieht jetzt und hier, wie jedes Kind weiß. Die da oben sind wie ich und sind doch anders. Sie müssen jeden Mist zu Ende spielen, denn es ist ihr Beruf, vielleicht sind sie ja auch davon überzeugt.

Aber die Zuschauer? Sind sie eingesperrt, dürfen sie sich nicht mehr vom Fleck bewegen, sobald sie ihr Eintrittsgeld bezahlt und sich im Parkett niedergelassen haben? Mich beschäftigt, wie gesagt, dieses Phänomen schon sehr lange: Warum schreit keiner mal auf oder sucht das Weite, wenn es offensichtlich ein vermurkster Abend ist, der auch nicht mehr verspricht, besser zu werden, im Gegenteil?

Natürlich ist es unhöflich, sich durch die Reihe zu drängeln. Es stört die Nebenleute, denen die Vorstellung vielleicht gefällt, und es fällt den Akteuren auf. „Schönen Abend noch“, hat ein Schauspieler in der Volksbühne mal einem flüchtenden Zuschauer nachgerufen. Das bringt Stimmung. Aber gemeinhin hockt das Volk wie angeleimt da, völlig egal, wie blöd die Aufführung ist. Und natürlich kann sich ein Kritiker schon mal gar nicht aus dem Staub machen. Höchstens in der Pause, dann fällt es nicht so auf. Neulich aber bin ich rausgegangen. Mittendrin. War nicht leicht. Ich wartete eine laute, dunkle Stelle ab – und bis der Schauspieler in der Kulisse verschwunden war, der von mir aus gesehen rechts die Tür bewachte. Der mich kennt. Also los jetzt... endlich frei!

Die Frau an der Garderobe sagte, als sie mir meinen Mantel gab: „Sie sehen so enttäuscht aus.“ Ich sagte: „Ich habe es nicht mehr ausgehalten.“ Sie antwortete: „Der Mann, der vor ein paar Minuten hier war, sah noch trauriger aus.“

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