WAS ICH LIEBE, WAS ICH HASSE : Operation Wallenstein

Die Spielzeit-Kolumne von Rüdiger Schaper, Leiter der Kulturredaktion des Tagesspiegels

Es ist so eine Sache mit Zugpferden. Ich kenne viele Menschen, die wegen Tom Cruise gar nicht oder nur widerwillig ins Kino gehen. Ein Ober-Scientologe als Hitler-Attentäter? Nun, diese Debatte hatten wir. Ich habe mit der „Operation Walküre“ ein ganz anderes Problem. Es betrifft nicht diesen Roboter-Stauffenberg, sondern eher die Nebenrollen. Der da hinten, ist das nicht? Und der andere da, hat der nicht neulich an der Volksbühne ...!?

Richtig: Im Hollywood-Hauptquartier der Wehrmacht tummeln sich etliche Berliner Theaterschauspieler. Ist ja auch kein Wunder, der Film wurde schließlich mit Riesen-Tamtam hier gedreht. Nicht nur bei Borchardt am Gendarmenmarkt, auch in den Wäldern bei Groß-Köris, wo die Wolfsschanzen-Kulisse stand, gab es jede Menge Tom-Cruise-Sightings.

Segnungen des internationalen Film-Business: Ich darf jetzt sagen, dass ich jemanden in Brandenburg kenne, der für die Walküre-Produktion tagelang Kaffee gekocht und sich hübsch was dazuverdient hat. Wir haben der Frau eine Thermoskanne geliehen und unseren persönlichen Beitrag zum nationalen Widerstand geleistet. Mehr noch, ich kenne jetzt sogar zwei Goebbels’. Der eine heißt Ulrich Matthes, er hat sich inzwischen den „Untergang“ wieder vom Leib gespielt, mit Tschechow zum Beispiel. Der andere ist Harvey Friedman, ein jüdischer Schauspieler aus den USA, früher mal bei Andrej Worons Teatr Kreatur und derzeit im English Theatre Berlin in einem Stück von Tennessee Williams zu sehen – und eben in der „Operation Walküre“, als hinkender Reichspropagandaminister.

Toll machst du das, Harvey, möchte man ihm aus dem Kinosessel zurufen, aber da greift er zum Hörer – er soll in dem Moment verhaftet werden – und ruft den Führer an. Ganz großes Theater! Wie ich überhaupt sagen muss: „Operation Walküre“ ist ein Theaterfilm, abgefilmte Bühne. Diese Steifheit! Diese Besprechungsrunden alter Männer in Uniform. Mir kam dazu folgendes Experiment in den Sinn: Zieht euch kurz mal Landsknechtskostüme über, redet ruhig weiter, und was haben wir dann? Richtig: „Wallenstein“. Kriegsrat, Verschwörung, die Piccolomini! „Operation Wallenstein“: Nach Richard Wagner ist jetzt auch Friedrich Schiller in Hollywood angekommen. Thank you, Tom!

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