WAS ICH LIEBE, WAS ICH HASSE : Prügel und Fesseln

Die Spielzeit-Kolumne von Rüdiger Schaper, Leiter der Kulturredaktion des Tagesspiegels

Ob sich erst die Worte ändern oder die Dinge, die sie benennen? Es spricht heute keiner mehr von Welttheater, und wenn, dann in einer neuen Bedeutung. Es war ein mächtiges Wort, man gebrauchte es für die großen Kreationen einer Ariane Mnouchkine, einer Pina Bausch, eines Peter Brook. Jetzt sind das Jugenderinnerungen, Initiationserlebnisse aus einer Zeit, als das Spielen noch geholfen hat – und das Reisen an ferne Spielorte.

Welttheater hat sich offensichtlich in einer Welt der Globalität überholt. Mit Geschichten aus Afrika, Indien oder China lässt sich ein Publikum nicht mehr so schnell verzaubern . Das Fremde, das Andere ist zum Standard geworden. Erzählungen aus nichteuropäischen Kulturen fließen überall ein in den Mainstream der Theater und vor allem der Festivals.

Wir verstehen so viel – und nichts. Das neue Stück der Choreografin Helena Waldmann ist ein lehrreiches und schmerzhaftes Beispiel für diesen Theatertourismus. „BurkaBondage“ war Anfang Oktober im Haus der Berliner Festspiele zu sehen. Zwei Tänzerinnen liegen da im Clinch, wickeln sich in weißes Tuch, beschnüffeln und befummeln sich mit Wahnsinnsenergie zu orgiastischen Trommelklängen. Ein verunglückter Lesben-Liebeskampf? Eine erotische Fantasie? Leider nein: „BurkaBondage“ will sich mit Freiheit und Fesseln auseinandersetzen, mit extremen körperlichen Zuständen. Hier afghanische Frauen in dem textilen Gefängnis, dort ihre japanischen Geschlechtsgenossinnen, als Lustobjekte fest verschnürt. Als verbindendes Element zeigt Waldmann Bilder von den Buddhas aus Bamyan, die die Taliban zerstört haben.

So einfach, so banal. Doch da passt nichts zusammen. Eine bloße Kopf- und Konzeptgeburt einer Künstlerin, die in ihren Stücken über Frauen im Iran und Iranerinnen im Exil („Letters from Tentland“, „Return to Sender“) so viel Sensibilität gezeigt hat. Tanz und Theater sind universelle Sprachen. Bei „BurkaBondage“ zerfließen sie in einem feministischen Esperanto: Welt-Theater, in dem die Anschauung der Welt so flach ist wie eine Scheibe. Es ist ein grobes Missverständnis, dass sich aus zwei Kulturen, die uns und einander fern und fremd sind – die afghanische und die japanische – etwas Gemeinsames herauspressen lässt. Nicht die Welt ist kleiner geworden, sondern die Fantasie, die Vorstellungskraft.

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