WAS ICH LIEBE, WAS ICH HASSE : Tiere schauen uns an

Die Spielzeit-Kolumne von Rüdiger Schaper, Leiter der Kulturredaktion des Tagesspiegels

Nichts erwärmt das Menschenherz so sehr wie Tiergeschichten. Vielleicht liegt es ja auch an der Jahreszeit, dass man sich nach Wolligem und Molligem sehnt. Unverwüstlich ist das Arrangement mit Ochs und Esel, Krippe und Stall, und dann kommen die Hirten mit den Schafen vom Feld. In den Zeitungen liest man jetzt täglich wunderbare Sachen – von Fred, dem Frischling, der als Wildschweinbaby (die Mamasau wurde erschossen) bei Kühen auf der Weide aufwächst und das Muhen lernt. Von der überraschenden Rückkehr der Fischotter in den Alpen und dem Problembiber in Brandenburg. Von heiseren Hamstern, die nicht mehr quietschen können, von rauchenden Affen und Feng Shui für Aquarienfische, und von Hunden, deren Pfoten mit Vaseline zu „Winterreifen“ für Vierbeiner umgerüstet werden.

Auf der Bühne hat man Tiere und kleine Kinder nicht so gern, sie lenken ab und lassen zu viel fallen. Unvergessen allerdings das Pferd, auf dem der Geist von Hamlets Vater in Patrice Chéreaus Shakespeare-Inszenierung galoppierte. Auch die sterbenden Fische bei Jan Fabre sind Theatergeschichte. Jüngere Theaterleute greifen derzeit wieder gern zu tierischen Akteuren. Sechs Hunde machen in den Münchner Kammerspielen beim „Ruf der Wildnis“ nach Jack London mit. Das gute alte Krippenspiel ist passé. Doch Rentiere grasen im Hamburger Bahnhof, sie haben sich nicht verlaufen, sie sind Kunst. Und jüngst, beim Gastspiel des französischen Choreografen Angelin Preljocaj im Haus der Berliner Festspiele, trugen die Tänzer zwei zarte Lämmchen auf die Bühne. Wie nett sie blökten und auf den Brettern herumstaksten, man gelobte sofort, Vegetarier zu werden! Die Lämmer stammen aus Brandenburg, es sind Winterlämmer, eine Seltenheit, und alle Tierfreunde seien versichert: Die Tiere wurden von den Festspielen bestens versorgt und während der Vorstellungszeit in einem Haus im Festspielgarten untergebracht, mit ihrem Mutterschaf.

Eine der schönsten Inszenierungen der letzten Jahre war „Das Reich der Tiere“ am Deutschen Theater. Ein Stück von Roland Schimmelpfennig, Regie Jürgen Gosch. Diese Tiere waren Schauspieler in einem Kabarett, aber darum geht es ja: Tiere sind auch nur Menschen.

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