WAS ICH LIEBE, WAS ICH HASSE : Viva Las Vegas!

Die Spielzeit-Kolumne von Rüdiger Schaper, Leiter der Kulturredaktion des Tagesspiegels

Immer wieder anerkennendes Nicken, Bewunderung, ja Neid, wenn man sagt, dass man aus Berlin kommt. Jaja, wir haben eine geile, vermehrungsfreudige Kulturszene, dutzende Theater, jeden Woche ein Festival, jeden Monat eine neue Halle, jedes Jahr ein neues Museum – und das meiste bezahlt die öffentliche Hand, die im internationalen Vergleich eine Pranke ist. Vor allem in den USA kann man damit die Menschen verblüffen. Stand kürzlich auch in der New York Times, was für eine unglaubliche Stadt das hier ist: „Berlin, the Big Canvas“. Forget the Big Apple …

Die große Leinwand. Jaja, man freut sich auf die neue Saison, auf Schauspieler, Stücke, Bühnenbilder, die die Welt bedeuten. Man freut sich nach jedem Sommer doch wieder, weggeblasen der Ärger und Verdruss der alten Spielzeit. War da was? Die Flüchtigkeit des Theaters – ein Segen. Und doch: Man hat eben schon viel gesehen, Jahr für Jahr, und ist nicht so leicht zu erschüttern. Vielleicht ist das ein Nachteil, wenn auch nur ein kleiner, wenn man in einer Stadt wie Berlin lebt, die so viele große und kleine Leinwände hat. So oft kann sich die Theaterwelt auch gar nicht neu erfinden.

Und manchmal muss man etwas weiter reisen, um etwas zu erleben, was man noch nie erlebt hat. Nach Las Vegas zum Beispiel. Robert Lepage - wir kennen und lieben ihn als Schauspieler und Regisseur – hat für den Cirque du Soleil in der Spielerstadt eine Show inszeniert, die einem den Verstand raubt. „Ka“: Die Story ist indisch inspiriert, der Kampf zwischen Gut und Böse, die Musik ist Filmsoße, Las Vegas eben. Aber die Artisten! Lächelnde Sieger über die Schwerkraft! Mörderisch schöne Flugnummern, kriegerische Choreographien: Die Akteure hängen in Schwindel erregender Höhe am seidenen Faden, sie stehen Kopf, sie schweben, laufen in der Vertikalen durch die Luft. Ein Alptraum-Traum. Eine vielköpfige Hydraulik-Hydra vollführt mechanische Kunststücke, als wären es computeranimierte Szenen aus der Hölle, aus dem Paradies. Niemals wird dieses Wunderwerk Las Vegas verlassen. Der Einbau von Bühne und Technik im MGM Grand Casino hat fünfzehn Monate gedauert! Grenzen der subventionierten Kultur: Ein Spektakel wie „Ka“ kann sich nur der Hyperkapitalismus in der Wüste von Nevada leisten.

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