WAS ICH LIEBE, WAS ICH HASSE : Vorsicht, Experten!

Die Spielzeit-Kolumne von Rüdiger Schaper, Leiter der Kulturredaktion des Tagesspiegels

Also: Nichts von Krise hier! Und auch nichts Weihnachtliches. Denn als Staats- und Stadtbetriebe dürften die Theater noch eine ganze Weile krisensicher sein, und das gute, alte Weihnachtsmärchen gibt es leider gar nicht mehr.

Natürlich, die recherchefreudigen Leute von Rimini Protokoll könnten mal ein Stück über ausgebeutete Teilzeit-Nikoläuse oder hyperaktive Christkinder machen. Rimini Protokoll: Dahinter verbirgt sich das größte Erfolgsmodell der letzten Jahre im internationalen Theater- und Performancebereich. Ein denkbar einfaches Rezept. Keine Schauspieler, sondern Experten aus der Wirklichkeit stehen vor dem Zuschauer. In der „Kapital“-Produktion nach Karl Marx waren das zum Beispiel echte Marxisten. Zurzeit würde dieser Abend sicher wieder gut laufen – aber wir wollten ja nicht über die Finanzkrise reden. Nur so viel, liebe Riminis: Die sogenannten Experten aus der sogenannten Wirklichkeit wissen ja auch nicht mehr weiter. Wer gibt noch was auf Prognosen! Zeitverschwendung!

Die Wirklichkeitsfreaks von Rimini müssen also aufpassen. Wenn tendenziell jeder Mensch ein Experte ist für dieses oder jenes, sei es sein Beruf, seine Herkunft oder ein besonderes Schicksal, dann sind wir irgendwann alle Spezialisten und warten auf den Anruf der Rimini-Regisseure.

Richtige Schauspieler übrigens – also solche mit Schauspielausbildung und Bühnenerfahrung – können da selbstverständlich auch mitspielen. Denn auch gelernte Schauspieler werden arbeitslos oder hassen Regisseure. Das macht sie zu Experten für die spezifischen Probleme ihres an sich doch schönen Berufs. Und sie hätten gegenüber Experten aus anderen, nicht-künstlerischen Berufen den Vorteil, dass sie sich auf einer Bühne zu bewegen wissen; jedenfalls soll man diese Hoffnung niemals aufgeben.

Ein furchtbarer Verdacht: Ist Rimini deshalb so gut und erfolgreich, weil das andere Theater, das Theater-Theater, in einem tiefen Tal hockt und nicht herauskommt? Die Riminis bekommen am Jahresende nun von unerwarteter Seite Unterstützung. Mario Adorf sagt in einem Interview mit der „Zeit“, er wäre gern Chirurg oder Bildhauer geworden. Wie auch immer. 2009 wird alles besser, auch auf der Bühne. Das sage ich als Theaterexperte.

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